"Einer muss die Realität zeigen"

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07. Juli 2010, 01:54 Uhr

Schwerin | Petra P. lebt mit ihren sieben Kindern im Mueßer Holz - sie ist Stammkundin der "Tafel" und eine der Hauptpersonen in der NDR-Reportage "Die hungrigen Kinder von Schwerin". Auf dem heimischen Sofa oder vor dem Gemeindehaus der Petrusgemeinde - bepackt mit drei Tüten voll Tafel-Waren - spricht sie über ihr Leben an der Armutsgrenze. Das Geld, das die Hartz-IV-Empfängerin monatlich bekommt, reiche zwar gerade so zum Leben. "Aber wir müssen auf vieles verzichten", sagt sie vor laufender Kamera. Dann erzählt ihre kleine Tochter, was sie warum nicht einkaufen können. Der 15-jährige Bruder Tobias würde gern zum Karatetraining gehen, boxen, mal ins Kino. Doch dafür reicht das Geld nicht, sagt er. Was er stattdessen in seiner Freizeit tut? "Scheiße bauen, mit Freunden."

"Die hungrigen Kinder von Schwerin" wurde im Winter aufgenommen und zeigt einen typischen Tag im Leben von Peter Grosch. Der "Vater" der Schweriner Tafel und Geschäftsführer der Evangelischen Suchtkrankenhilfe MV nimmt ein Kamerateam mit zu den sozialen Brennpunkten Schwerins. Für ihn gehören diese Orte, die Geschichten und Schicksale, die sich dahinter verbergen, zum ganz normalen Leben hier. "Ich kenne Kinder, die haben sich monatelang aus der Biotonne ihrer Nachbarn mit Essen versorgt", sagt Grosch. Seine Frau, die ebenfalls seit Jahren bei der Tafel aktiv ist, pflichtet bei: "Zum Monatsende treffen wir an den Ausgabestellen Familien, die wirklich kein Stück mehr zu essen haben." Rentner genauso wie junge Familien oder Kinder, die bereits Mangelerscheinungen zeigen. "Einige leben tagelang nur von Brot und Ketchup", sagt Dietlind Grosch.

"Der Film zeigt, wie man in Schwerin wirklich lebt"

"Die hungrigen Kinder von Schwerin" Untertitel: "Ein Mann kämpft gegen die Armut" lief im Spätprogramm. Und weil nur wenige Schweriner ihn dort gesehen haben, wird die Dokumentation jetzt an anderen Orten in der Stadt gezeigt. Zum Beispiel an einem Originalschauplatz, in der Petruskirche. Dort werden jeden Donnerstagmittag Nahrungsmittel von der Tafel ausgegeben, dorthin kommt auch Familie P. Gemeinsam mit vielen anderen Bewohnern sahen sie sich jetzt den Film an. "Mich interessiert sehr, wie Betroffene und die Hauptpersonen selbst auf den Streifen reagieren", sagt Pastor Markus Kiss, der zur Filmvorführung in den Gemeindesaal eingeladen hatte.

Das Echo war eher gelassen "Man sieht in diesem Film eben, wie man in Schwerin wirklich lebt", sagt Max. Sich Essen von der Tafel zu holen, sei doch nichts Ungewöhnliches. "Und dass der Tobias viel Scheiße baut, das stimmt", fügt ein Klassenkamerad hinzu. "Der Film hat mir Angst gemacht", meint ein anderen Zuschauer, ein weiterer fühlt sich nach einer halben Stunde einfach nur traurig. Markus Kiss selbst empfindet Hunger und Elend im reichen Deutschland als "Skandal", ebenso wie den Vorschlag der Regierung, weiter bei den Sozialausgaben zu sparen. Bürgerrechtler Heiko Lietz verfasste sogar einen Brief an die Bundeskanzlerin und legte ihn in der Petrusgemeinde zur Unterschrift aus.

An anderen Orten hatte "Die hungrigen Kinder von Schwerin" eine ganz andere Wirkung. Die Spannbreite reichte von Betroffenheit bis Zorn, von Spenden bis Schelte. Von schlimmer Negativ-Werbung für Schwerin war die Rede. Andere Hilfsangebote als die Tafel würden nicht gezeigt, stattdessen ein düster-trübes Bild von der Landeshauptstadt gemalt. Plattenbauten im Schnee statt Altbauten im Sonnenschein, hoffnungslose Menschen statt lachender Gesichter. "Nirgendwo in Deutschland ist Kinderarmut so verbreitet wie in Schwerin", heißt es im NDR-Streifen. Und: "38 Prozent aller unter 15-Jährigen hier leben in Hartz-IV-Familien."

"Ich habe im vergangenen Jahr viele Filme über die prächtige Gartenschau in Schwerin gesehen", sagt Grosch. "Irgendjemand muss auch mal diese Realität zeigen. Für mich ist das, was dort zu sehen ist, mein täglich Brot, ich finde den Film überhaupt nicht schlimm. Die Schweriner werden ihn verkraften." Zum "täglich Brot" gehört auch diese Geschichte: Viele Kinder aus dem Mueßer Holz seien noch nie in der Schweriner Innenstadt gewesen, erzählt Dietlind Grosch. Als eine Gruppe sich mit der Straßenbahn auf den Weg machte, stiegen die Kinder am Dreescher Markt aus, weil sie dachten, hier sei die City. Grosch organisierte daraufhin Ausflüge ins Schloss. Für die Kinder sei das fast wie ein Urlaubstag gewesen. "Sie brauchen dringend Abwechslung vom Alltag mit Sorgen und Nöten", so die engagierte Mutter von vier eigenen und sieben Pflegekindern.

Spendenbereitschaft so groß wie selten

Natürlich könne man beim Thema "Hunger in Schwerin" über die Verantwortung der Eltern für ihre Kinder diskutieren, so Grosch. "Aber es gibt eben Erwachsene, die diese Verantwortung nicht mehr wahrnehmen könnten. Deshalb kümmere ich mich um die Kinder."

Mehr als 700 Tafeln gibt es mittlerweile in Deutschland. Die Schweriner gehörte vor 15 Jahren zu den ersten ihrer Art. Heute versorgt sie 30 Ausgabestellen in ganz Westmecklenburg mit Nahrungsmitteln, die vor allem in Supermärkten übrig bleiben und an Bedürftige abgegeben werden. "Die Hilfe-Anfragen nehmen ständig zu", sagt Grosch.

Aber auch die Erfolge. Seit diesem Jahr betreibt die Tafel einen Nutzgarten in der Perleberger Straße, 62 Obstbäume haben Schweriner dafür gespendet. Vor einer Woche wurde der erste Salat geerntet. Mit Obst und Gemüse aus dem Garten wird bald das Angebot an den Ausgabestellen aufgefüllt.

",Die hungrigen Kinder von Schwerin hatte viele positive Konsequenzen. Noch nie war die Spendenbereitschaft so groß wie nach der Ausstrahlung", sagt Grosch. Tobias beispielsweise hat ein paar Karatestunden finanziert bekommen, ein Unternehmer gab Geld für von der Tafel organisierte Ausflüge mit Kindern. "Genau das brauchen wir."

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