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Lokales

24. September 2017 | 01:44 Uhr

"Eine Verhöhnung der Anwohner"

vom

svz.de von
erstellt am 08.Jun.2010 | 07:32 Uhr

Gartenstadt | Bernd Pietruschka kämpft erbittert - für die Einhaltung der Schrittgeschwindigkeit in der Neuen Gartenstadt. Manchmal hält er die "Raser" direkt auf der Straße an, weist sie auf die Rechtslage und ihren Fahrstil hin, bittet um Verständnis für die Anwohner und deren Kinder oder Enkel. Oft fängt er sich eine pampige Antwort ein. Dass auch Nachbarn und sogar Prominente zu den Verkehrsrowdys gehören, ist ihm klar. Besonders ärgern sich die Hausbesitzer aber über den Durchgangsverkehr. Der fahre morgens und nachmittags zur Kita, steuere den Nahversorger an, das Technologiezentrum oder die Bereitschaftspolizei. Gegen 8 und 16 Uhr herrsche Hochbetrieb auf der Spielstraße.

Zuletzt sprach Bernd Pietruschka auf einer Einwohnerversammlung bei Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow persönlich vor. Aus ihrem Amt erhielt er jetzt Post, die ihm im wahrsten Wortsinn den Schlaf raubt: Die Probleme im verkehrsberuhigten Bereich möchte das zuständige Amt lösen, indem es die Straße Langer Berg als Tempo-30-Zone ausweist, steht dort geschrieben. Das entspräche dem "baulichen Zustand und dem tatsächlichen Verkehrsverhalten". Ferner habe sich "aufgrund der demografischen Struktur im Wohngebiet die Nutzung der Verkehrsfläche als Aufenthaltsfläche und für Kinderspiele nicht etabliert". Der zuständige Ortsbeirat Gartenstadt/Os torf fand die Erklärung einleuchtend und stimmte dem Vorschlag auf seiner Mai-Sitzung zu.

"Das ist eine absolute Bankrotterklärung und eine Verhöhnung der Anwohner", sagt Bernd Pietruschka. Folge man dieser Argumentationslinie der Stadt, müsse auch auf der Umgehungsstraße das erlaubte Tempo auf mindestens 100 Stundenkilometer hochgesetzt werden. Seinen Unmut hat Pietruschka zu Papier gebracht und an die Oberbürgermeisterin geschickt. Dort droht er auch mit einer Schadensersatzklage gegen die Stadt. Und fügt im letzten Absatz hinzu: "Für mich steht eindeutig fest, dass ich bei Umsetzung dieser Variante die Stadt Schwerin spätestens im April 2011 verlassen werde."

Viele seiner Nachbarn sind genauso sauer auf die Stadt. Thomas Jerschke wohnt mit seiner Familie im Heidehorst, einer Parallelstraße zum Langen Berg. "Es ist einfach krass, mit welchem Tempo die meisten hier durchrasen", sagt er. "Im Heidehorst wohnen 16 Kinder, die meisten trauen sich nicht auf der Straße zu spielen. Wir haben für unsere Grundstücke viel Geld bezahlt. Das Schlimmste ist, dass unsere Kritik offenbar kein Gehör findet. Wie viel Druck müssen wir machen?"

Eine Verkehrszählung aus dem September ergab für den Langen Berg durchschnittlich 600 Fahrzeuge in 24 Stunden. Als Höchstgeschwindigkeit wurden 63 Stundenkilometer gemessen. Die meisten Autofahrer waren zwar nicht nicht schneller als 25 Stundenkilometer. Von Schrittgeschwindigkeit ist das allerdings noch weit entfernt.

Schon im vergangenen Jahr hatte Bernd Pie truschka Unterschriften für langsameres Fahren am Langen Berg gesammelt und an die Stadtverwaltung geschickt, in diesem April sandte er eine neue Liste an die Oberbürgermeisterin. Die Gartenstädter forderten darin neben regelmäßigen Verkehrskontrollen auch, dass die Straßen Blumenbrink, Langer Berg und Heidehorst zu Sackgassen erklärt werden, um den Durchgangsverkehr zu vermeiden. Laut Bebauungsplan ist der für den dritten Bauabschnitt der Neuen Gartenstadt auch nicht vorgesehen. Er sollte "mit baulichen Maßnahmen im Straßenraum, Verengung der Straßenbreite durch Bäume sowie weitere gestalterische Elemente unterbunden werden." Bernd Pie truschka hat diese Passage im B-Plan unterstrichen. Wenn er vor seine Haustür schaut, sieht er von der Umsetzung allerdings nicht.

Auch die Sackgassen-Variante hat das Amt für Verkehrsmanagement geprüft. Dafür gäbe es nach seiner Analyse aber "kein zwingendes Erfordernis". Nachteilig wäre die Regelung obendrein für alle, die aus Richtung Haselholzstraße den Nahversorger erreichen möchten. "Das Problem der Raser haben wir in diversen Straßen in Schwerin", sagt Michael Storch, Abteilungsleiter für Verkehrsplanung. "Wenn es nach den Anwohnern geht, müssten wir eine Straße nach der anderen dicht machen." Das Empfinden, dass in der eigenen Straße zu viel und zu schnell gefahren werde, sei immer sehr subjektiv. "In der Neuen Gartenstadt herrscht objektiv wenig Verkehr", so Storch. "Das entspricht einem verkehrsberuhigten Bereich."

Es gibt aus Stadtsicht allerdings noch eine dritte Alternative: Alles bleibt erstmal wie gehabt - in der Hoffnung, dass die Öffnung der Mettenheimer Straße ein wenig weiter südlich das Verkehrsproblem am Langen Berg löst. Doch an der genannten Trasse gibt es noch Eigentums-Probleme. Wann sie geöffnet werden kann, will noch keiner verbindlich sagen.

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