Eine schrecklich kühle Familie

Vorarbeit: Dieter Prösch befreit eine quadratische Fläche vom Eis.
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Vorarbeit: Dieter Prösch befreit eine quadratische Fläche vom Eis.

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21. Dezember 2010, 04:28 Uhr

Lankow | Über den Lankower See weht am Sonntagmorgen ein kalter Wind. Still ruht der See unter einer Eisdecke. Darüber hat sich eine weiße Schneeschicht gelegt. Ein paar Möwen kreisen über dem gefrorenen Wasser und kreischen ab und zu. Sonst ist es still. Nur die Schläge einer Axt hallen über den See. Dieter Prösch steht auf der Eisfläche und schlägt ein quadratisches Loch in selbige. Er trägt eine Anglerhose, Gummistiefel, Handschuhe und eine Mütze. Dann schiebt er das herausgeschlagene Stück unter die Eisfläche, das Wasser kommt zum Vorschein. Minus zehn Grad Außentemperatur zeigt das Thermometer.

Doch um Punkt 10 Uhr ist es mit der Stille vorerst vorbei. Sieben Menschen in Bademänteln kommen den Weg zum Ufer hinab und gesellen sich zu Dieter Prösch. Es sind die "Schweriner Walrosse". Seit 1985 treffen sich die Winterschwimmer zwischen Oktober und April jeden Sonntagvormittag.

Von den Gründungsmitgliedern sind jetzt aber nur noch zwei dabei. Eine von ihnen ist Gerlind Suckow. "Damals bildete sich die Gruppe im Kollegenkreis des Kabelwerks, wir schwammen damals noch in Mueß", erinnert sich die 70-Jährige. "Sektion Eisbaden", hieß die Gruppe damals. Suckow schwört auf das Bad im eiskalten Wasser: "Früher hatte ich einen allergischen Schnupfen - der ist mittlerweile weg."

"Die eigentlich Mutigen sind die Frauen"

Doch als Gerlind Suckow am Rande der Öffnung steht und ins kalte Wasser schaut, verzieht auch sie das Gesicht. Sie legt ihre Stirn in Falten, ihre Augen werden zu kleinen Schlitzen. Als könne sie die Kälte schon spüren, noch bevor das Wasser ihre Haut berührt. "Obwohl ich schon seit 25 Jahren im Winter schwimmen gehe, kostet es mich jedes Mal Überwindung", gibt sie zu. Doch dann steigt sie doch die Holzleiter hinab, zügig und ohne innezuhalten. Im Wasser angekommen, schreien und jauchzen die "Walrosse". Mit dem Kopf tauchen sie nicht ab, das sei zu gefährlich. "Die Kälte am Körper ist wie ein Schock", sagt Dieter Prösch. Gewöhnlich gehen die Winterschwimmer nackt ins Wasser. "Mit nasser Kleidung wäre die Kälte noch schwerer zu ertragen", sagt der 58-Jährige, der fast immer eine Mütze trägt und deshalb nur "Mützrich" genannt wird. Er ist einer der beiden verbliebenen Männer in der Gruppe. Für die Übermacht an Frauen hat er eine einfache Erklärung: "Die eigentlich Mutigen sind die Frauen", sagt er. Sie seien disziplinierter und härter im Nehmen, meint Prösch. Früher habe es aber auch einige Männer unter den Winterschwimmern gegeben.

Als er nach zwei Minuten aus dem Wasser steigt, lacht er breit. "Da werden Glücksgefühle frei", sagt er und das Grinsen unter seinem grauen Schnauzer wird noch breiter. Nach dem Bad fühle er sich immer unheimlich stark. Ein Gefühl, das Anne Schatka kennt: "Ich spüre immer einen richtigen Adrenalinstoß", sagt die 53-Jährige. Auch deshalb fehle ihr das kalte Bad im Sommer sehr, sagt die Frau, die das Winterschwimmen vor acht Jahren entdeckt hat. "Nach der Saison ist das immer ein komisches Gefühl, wenn es sonntags nicht mehr zum Baden geht", sagt Anne Schatka.

Überhaupt seien die Winterschwimmer wie eine kleine Familie, sagt Gerlind Suckow. Die Herausforderung schweiße zusammen. "Die Gruppendynamik erleichtert die Überwindung", sagt Prösch, der immer mit dem Rad zum Eisbaden kommt. Zum gemeinsamen Schwitzen trifft sich die Gruppe nur einmal im Jahr: beim Sommerfest.

Wer sich den Winterschwimmern anschließen möchte, kann sich bei Gerlind Suckow unter Telefon 0385 - 20 28 490 melden.

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