Eine Region zeigt Solidarität

Von Tochter Laura angestiftet, kam Christian Siewert.
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Von Tochter Laura angestiftet, kam Christian Siewert.

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13. Februar 2011, 06:18 Uhr

Prignitz | Nach seinem schweren Rückfall vor einer Woche geht es Leon wieder besser. Das ist eine von vielen guten Nachrichten an diesem Tag der Hoffnung.

"Selbstverständlich möchte ich spenden, wenn mein Knochenmark das passende ist", sagt die erst 17-jährige Lisa Horlbeck. Eigentlich wollte sie nur ihre Mutter Petra begleiten, aber da sie in Kürze 18 Jahre alt wird, durfte auch sie sich als Spenderin registrieren lassen. Sie sind zwei von 349 Prignitzern, die am Sonnabend in die Rolandschule Perleberg kamen.

Fast drei Treppen hinab windet sich die Schlange der Wartenden. Niemand murrt. Wer hier steht, will Leon helfen. "Das Warten nehme ich gern in Kauf, es geht um eine gute Sache", sagt Steffen Krüger. Er wohnt in Bremen, besucht seine Familie. Als er in unserer Zeitung vom Aktionstag liest, zaudert er keine Minute.

Perleberger mobilisieren Wehren

Annette Pilarski hatte diesen Schritt schon lange vor. Als sie von Leons Schicksal und der Aktion erfährt, ergreift sie die Gelegenheit. "Meine Freundin hat mit ihrer Knochenmarkspende einen jungen Mann in Finnland das Leben gerettet", erzählt Annette Pilarski. Welchen Grund sollte es noch geben, sich registrieren zu lassen. Das sehen Kameraden der Feuerwehr Hinzdorf genauso. "Wer von uns noch nicht typisiert war und heute arbeitsfrei hat, ist hierher gefahren", so Wehrführer Jens Bösel. Sein Perleberger Kollege Andreas Rohloff hatte dazu aufgerufen.

Rohloff war einer der ersten, die nach unserer Berichterstattung vor drei Wochen in der Redaktion anriefen: "Wir werden helfen, ich mobilisiere alle Feuerwehren", sagte er und hielt Wort. Ferbitz, Wittenberge, Düpow, Spiegelhagen, das THW und viele andere sind gekommen. Polizisten unterbrechen ihren Dienst, Krankenschwestern sind unter den Wartenden.

Vier Helfer nehmen den Freiwilligen das Blut ab. Unter ihnen Arzthelferin Ilona. Sie hat bereits vor zwei Wochen an der ersten Aktion mitgewirkt. Heute ist ihr Geburtstag, die Familie muss warten: "Je mehr in der Datei aufgenommen sind, desto mehr Chancen hat jeder Patient. Mir persönlich ist diese Sache wichtig." Ihre Kollegin Ulricke will bis 12 Uhr bleiben. Gegen 14.30 Uhr geht sie nach Hause: "Macht nichts, das ist okay."

Nach Hause wollen auch die Physiotherapeutinnen der Praxis Simone Thätner. Sie haben schier Unmögliches vollbracht. Nach ihrer regulären Praxisarbeit begannen sie am Freitag um 12 Uhr einen 24-stündigen Massagemarathon. Dass es tatsächlich ein Non-Stop-Marathon werden würde, hätten sie nicht vermutet.

Nachts um 3 Uhr war die Luft raus

"Wenn es eine Steigerung von außergewöhnlich geben sollte, trifft sie zu. Was bei uns passiert ist, kann ich nicht in Worte fassen", sagt Simone Thätner. Gegen 3 Uhr nachts seien sie am Ende ihrer Kräfte gewesen, eine Kollegin war auf der Liege eingeschlafen, nicht mehr wach zu bekommen.

"Die Luft war raus, wir dachten, etwas Ruhe kehrt ein, aber 3.30 Uhr standen drei Mädels vor der Tür, sie kamen von der Disko." Weiter massieren und die Verschnaufpause musste bis zum Frühstück warten.

Eine große Portion Rührei stand auf dem Tisch, und vor der Tür warteten die Nächsten. Aber nicht alle wollten eine Massage. Manche brachten nur eine Geldspende, so wie ein Sechsjähriger, der 20 Euro seines Taschengeldes in die Box steckte.

Beim Zählen kullern die Tränen

Am Ende waren es 1600 Euro. "Schon beim Zählen kullerten uns die Tränen", sagt Thätner gerührt. Sie dankt allen Spendern, Patienten und den eigenen Familien. "Ohne unsere Männer und Omis hätten wir es nicht geschafft." Noch etwas sei ihr wichtig: "Meine Kolleginnen sind die wahren Helden."

Von der Rolandschule unterstützen die Aktion vier Kollegen. "Leon ist unser Schüler, auch wenn er nur sehr kurz bei uns war. Die Kollegen sind von seinem Schicksal erschüttert", sagt Heike Pankow, stellvertretende Schulleiterin.

Paulina Wilde von der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) spricht von einer "logistisch sehr guten Organisation". Die Hilfsbereitschaft sei enorm groß. Unsere Zeitung hatte gemeinsam mit der Stadt Perleberg die Aktion vorbereitet. Bürgermeister Fred Fischer zeigte sich von der Beteiligung beeindruckt. Enorm groß die Spendenbereitschaft: 2508,22 Euro sind es am Ende in bar. Dazu kommen 500 Euro der Volks- und Raiffeisenbank Prignitz. Das Spendenkonto bleibt noch bis Freitag offen.

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