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Der Schrecken der Landstraße : Ein Trucker fährt Trecker

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Raser schmeißen die Lichthupe an, Spaziergänger drehen sich ungläubig um. Im Schritttempo kriecht Willi Röttgers Traktor über die Landstraße. Im Schlepptau hat er seinen Wohnwagen, einen Motorroller - und einen Hund.

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erstellt am 24.Jun.2011 | 06:02 Uhr

Ahaus/Emden | Raser schmeißen hinter einer skurrilen Reisegruppe im Münsterland die Lichthupe an, Spaziergänger drehen sich ungläubig um. Im Schritttempo kriecht Willi Röttgers Traktor über die Landstraße. Im Schlepptau hat er seinen Wohnwagen, einen Motorroller - und einen Terriermischling. Gerade hat sich der ehemalige Trucker aus dem westfälischen Ahaus damit auf den Weg zu einem Freund in Emden an der Nordsee gemacht. Röttger hat sich für August angekündigt. Denn er schafft höchstens 20 Kilometer am Tag.

Autos hinter ihm reicht der erste Gang, ein Freizeitsportler könnte locker nebenherjoggen. All das stört Willi Röttger kein bisschen. Der gemütliche 59-Jährige liebt die Langsamkeit. Am Anfang seiner Reise wurde er noch ständig an den Straßenrand gewinkt. "Die Polizisten haben ihren Augen nicht getraut", sagt Röttger. Die vielen rostigen Flecken auf seinem Trecker, der eigentlich mal ganz dunkelgrün war, zeugen von seinem Baujahr. "1963", sagt er. Er selbst hat kaputte Knie, sonst fühlt er sich fit. Und sein Traktor ist immerhin noch ein gutes Jahrzehnt jünger als er selbst.

Auf dem Beifahrersitz des Treckers thront Miss Ellie die Zweite in einem alten Fahrradkorb. Um sie herum riecht es nach Motoröl. Alles regt die kleine Yorkshire-Malteser-Hündin auf. Sie bellt unentwegt und kündigt das sperrige Gespann schon hundert Meter vor ihrer Ankunft am nächsten Campingplatz an. Dort oder auf Parkplätzen oder in der Nähe von Freibädern macht Röttger Halt, wenn er über Nacht bleibt und fließend Wasser braucht.

Den 59-Jährigen bringt nichts aus der Ruhe, weder das dumpfe Brummen des Stromgenerators noch das hohe Kläffen seiner Weggefährtin. Und auch nicht, wenn sich die Autos wie an einer Perlenschnur hinter seinem Traktor aufreihen. Über Drängler im dicken Mercedes, die ihn mit ihrer Lichthupe aufscheuchen wollen, macht er sich nur lustig. "Ich bin doch auf einer Urlaubsfahrt, und nicht auf der Flucht."

Schnell unterwegs war Willi Röttger lange genug. Als Fernfahrer hat er die meisten Flecken auf der Landkarte bereist, war in Europa und Asien unterwegs, an Fjorden, in der Wüste, am Schwarzen Meer. Für seine Arbeitgeber brachte er Zement in den Iran und Silos nach Norwegen. Den 72 Abgeordneten im syrischen Parlament brachte er einmal 72 Autos vorbei. "Ich hatte immer so einen Abenteuerdrang", sagt er. Und wenn er eine Tour schneller schaffte, hat er einfach ein paar Tage "Päuschen" gemacht. Ein Unfall hat dem 59-Jährigen die Knochen ruiniert. Seitdem ist es mit den Fjorden und dem Schwarzen Meer vorbei. Willi Röttger ist vom Lastwagen auf den Trecker umgestiegen.

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