Ein Tenor, der vom Bariton träumte

Zeit für die Familie zwischen den Proben: Marco und Marina genießen die gemeinsame Zeit mit Sohn Niklas, der seine Jessica dabei hat.
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Zeit für die Familie zwischen den Proben: Marco und Marina genießen die gemeinsame Zeit mit Sohn Niklas, der seine Jessica dabei hat.

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18. Juli 2010, 06:41 Uhr

Als Knabe sang er daheim die großen Frauensoprane wie die Königin der Nacht aus Mozarts Zauberflöte oder die Carmen von Bizét. Nach dem Stimmbruch mimte er den Bariton. Arien aus Tosca oder Porgy und Bess reizten ihn. Nur den Tenor, den sang er nie. Ja, den hasste er förmlich. Dass Marco Jentzsch heute auf internationalen Bühnen ein gefragter Tenor ist, hat er einer Kette von Zufällen zu verdanken. Und diese beginnt mit einer Nachbarin.

Zehn Jahre hatte der gebürtige Potsdamer bereits als Heimerzieher gearbeitet, sang wie schon als Kind nur in seiner Freizeit. 2002 überzeugte ihn seine Nachbarin, sich bei einer Gesangslehrerin vorzustellen. "Ich ließ mich bequatschen und nahm meine Bariton-Noten mit." Doch Kammersängerin Els Bolkestein schüttelte den Kopf. "Sie sind ein Tenor", sagte sie ihm. Jentzsch war irritiert. "Ich wollte der Böse sein. Lohengrin reitend auf dem Schwan war für mich eine Grauenvorstellung." Doch vor die Wahl gestellt, dass Zimmer für immer zu verlassen oder ab dem nächsten Tag vier Mal die Woche Gesangsunterricht zu nehmen, entschied er sich für das letztere.

Dann ging alles sehr schnell. Im Jahr darauf sang er bereits an der Kammeroper Schloss Rheinsberg, 2004 übernahm er dort die Rolle des Tamino. 2005 die Entscheidung: Berufssänger oder weiter Heimerzieher. "Ich unterschrieb einen Zwei-Jahres-Vertrag am Musiktheater Erfurt." Bis dahin hatte Marco Jentzsch mehrfach unbezahlten Urlaub genommen und sich ganz nebenbei verliebt: In seine Kollegin Marina, die vertretungsweise seine Stelle übernommen hatte.

Im Dezember 2004 kam Sohn Niklas zur Welt. Die Familie lebte in Berlin. Eine stressige Zeit begann. "Mein Leben war in einem Schnellverfahren ganz anders geworden. Kaum in Leipzig eingewöhnt, sang er an der Oper Hannover vor und wechselte nach nur einer Spielzeit dorthin. "Es war das größere Haus, die bessere Gage." Zwei Jahren vergingen bis zum nächsten großen Schritt: Jentzsch machte sich als Sänger selbstständig.

Die Familie lebt jetzt auf einem Bauernhof bei Hannover. Anfangs rümpfte der Großstädter die Nase. "Hier bekomme ich Depressionen." Doch mit jedem neuen Engagement und dem zunehmenden Reisestress, lernte er die Ruhe und Abgeschiedenheit schätzen. Auftritte in Dortmund, Amsterdam und in der Mailänder Scala stehen mittlerweile in seiner Vita. Im September ist er an der Komischen Oper Berlin in "Die Meistersinger" zu hören.

Gattin Marina kommt zu seinen Auftritten, wann immer es möglich ist. Sohn Niklas findet Musik blöd. Sie nimmt ihm den Vater viel zu oft weg. Er wünscht sich, dass sein Papa Tierarzt wäre. "Dann wäre er immer zu Hause." Die Familie sei ihm wichtig und deshalb sagte Marco Jentzsch kürzlich ein Vorsingen in Amerika ab. "Als Sänger sage ich wow, als Mensch sage ich: Das ist zu weit weg, ich bin nicht der Globetrotter." Nicht einmal im Urlaub, der heute beginnt. Mit Niklas will er in Brandenburg campen, Kanu fahren. Darauf freuen sich beide.

Bei seinen beruflichen Zielen bleibt Marco Jentzsch zurückhaltend. "Vieles ist so schnell in Erfüllung gegangen, ich singe jetzt schon Partien, wo andere jahrelang drauf warten und manche sogar vergeblich." Deshalb möchte er keinen Wunsch äußern, aber dafür etwas anderes verraten: " Bariton möchte ich nicht mehr sein."

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