Lea-Sophie starb vor drei Jahren : Ein letzter Dienst

Vor drei Jahren starb Lea-Sophie in Schwerin. zvs
Vor drei Jahren starb Lea-Sophie in Schwerin. zvs

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19. November 2010, 07:50 Uhr

Schwerin | Der Blick auf Kinder ist schärfer geworden. Seit dem qualvollen Hungertod von Lea-Sophie im Herbst 2007 in Schwerin schauen Mediziner, Nachbarn und Verwandte genauer hin. Schreiten ein, wenn blaue Flecken auftauchen. Fragen nach, wenn Kinder ihr Verhalten merklich ändern. Am 20. November jährt sich der Todestag von Lea-Sophie zum dritten Mal.

Seit dem tragischen Tod der Fünfjährigen in der Wohnung der Eltern hat sich die Zahl der Inobhutnahmen gefährdeter Kinder in Mecklenburg-Vorpommern spürbar erhöht. Aus Sicht von Rainer Becker, Landesvorsitzender der Deutschen Kinderhilfe, hat der Tod des Mädchens einen letzten, traurigen Dienst verrichtet. "Die Kinderschutz-Hotline ist nach langer Debatte dann doch schnell eingerichtet worden", resümiert er. "Es hat sich viel geändert. Wir haben unser Netzwerk für den Kinderschutz viel dichter geknüpft", betont auch Sozialministerin Manuela Schwesig (SPD). Jeder Euro, der in den Kinderschutz investiert werde, sei wichtig und könne Leben retten. In Kürze werde ein Bündnis für Kinderschutz vorgestellt, kündigte sie an.

Nach ihrer Überzeugung hat sich die Kinderschutz-Hotline als ein wichtiges Instrument bewährt, um frühzeitig Behörden bei Verdacht auf Vernachlässigung und Misshandlung von Kindern aufmerksam zu machen. Bei der seit Februar 2008 geschalteten Hotline gingen nach Angaben des Landesgesundheitsamtes bislang knapp 1000 ernstzunehmende Hinweise ein - im Schnitt einer pro Tag. Jugendämter und Familiengerichte arbeiten inzwischen enger und über Verwaltungsgrenzen hinweg zusammen. Ämter werden seit einer Gesetzesänderung im Jahr 2008 von sich aus aktiv, wenn Kinder nicht zu medizinischen Untersuchungen kommen und haken nach. Lea-Sophies Siechtum hatte erhebliche Lücken in der Arbeit des Schweriner Jugendamtes offenbart. Obwohl die Großeltern mehrfach auf Probleme der Eltern hinwiesen, gingen die Mitarbeiter dem nur halbherzig nach. Als das Kind, bis auf die Knochen abgemagert, in die Klinik kam, war es nicht mehr zu retten. Die Eltern erhielten 2008 wegen Mordes langjährige Haftstrafen. "Wir haben aus dem tragischen Tod die notwendigen Lehren gezogen", erklärt Schwerins Jugenddezernent Dieter Niesen (SPD). Mit Kita-Trägern, Kliniken und Familienhebammen sei ein Netzwerk "Frühe Hilfen" aufgebaut worden. Lebten 2007 noch 266 Kinder in Heimen oder Pflegefamilien, waren es 2009 schon 310. Dieser Trend halte an. Die Kosten der Vollzeitpflege stiegen um gut ein Viertel.

In Rostock hingegen geht die Zahl der Inobhutnahmen nach einem Anstieg 2008 wieder zurück. Bis Ende Oktober wurden laut Stadtverwaltung 137 Kinder vorübergehend aus ihren Familien genommen, 2008 waren es 218 und 2009 dann 161. In Neubrandenburg gab es in diesem Jahr bisher 217 Verdachtsfälle von Kindeswohlgefährdung, 31 Kinder wurden nach Prüfung in andere Obhut gegeben. Die Stadt legte jetzt ein Konzept vor, mit dem Kinder aus Problemfamilien besser geschützt werden sollen. In Greifswald waren die Behörden 2008 über 179 Fälle unterrichtet worden, 38 wurden genauer untersucht. 11 Kinder wurden schließlich aus den Familien genommen. Die Stadt stockte ihre Angebote für sozialpädagogische Familienhilfe auf. Im Dezember 2009 erhielten 95 Familien solche Unterstützung, doppelt so viele wie 2007. Die Kosten kletterten seitdem von 382 000 auf 618 000 Euro.

Rainer Becker vom Kinderhilfe-Verein appelliert an Kommunen und Land, trotz permanent knapper Kassen in dem Bereich nicht den Rotstift anzusetzen: "Das muss uns das Wohl der Kinder einfach wert sein."

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