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Lokales

22. Oktober 2017 | 14:10 Uhr

Ein Leben für Perlebergs wilde Tiere

vom

svz.de von
erstellt am 06.Sep.2010 | 06:49 Uhr

Perleberg | Eine Annonce in der Zeitung im August 1975 ließ den damals 25-jährigen Agraringenieur für Tierproduktion aufhorchen. Perleberg suchte einen Tierparkleiter. "Ich bin ehrlich, damals habe ich nicht mal gewusst, dass es in Perleberg so eine Einrichtung gibt." Wilhelm Lüdke bewarb, sich trat schon am 1. September seinen Dienst an. Und das gleich mit einem Paukenschlag. "Eine Hirschkuh war gestolpert und zu Tode gekommen. Es gab eine Untersuchung des Kadavers, das Ergebnis lautete Tollwut. Daraufhin wurde der Tierpark bis Ende 1975 geschlossen", erinnert sich Lüdke.

In den ersten Jahren lebte Lüdke im wahrsten Sinne des Wortes mit seinen Schützlingen. Im alten Verwaltungsgebäude war sein kleines Büro gleichzeitig sein Wohn- und Schlafzimmer. Dennoch lobt er auch heute noch, dass der Perleberger Tierpark für damalige Verhältnisse gut aufgestellt gewesen sei. "Viele andere Einrichtungen hatten gar kein festes Gebäude mit Futterküche wie wir." Die Futterbeschaffung dagegen war schon schwieriger. "Wir hatten Pferd und Wagen, fuhren selbst mit der Sense zum Heuen", erzählt Lüdke. Aber Arbeit für seine Tiere, egal wie schwer, ist ihm nie zu viel, wenn es sein musste, sieben Tage in der Woche.

Damals umfasste die Perleberger Anlage gerade einmal sieben Hektar, gab es etwa 190 Tiere. Das damalige Eingangstor steht noch heute, in seinem Schaufenster sind die possierlichen Mäuse zu bewundern. Wo heute die Totenkopfäffchen und Kattas untergebracht sind, wurden 1975 Bären gehalten. "Die Anlage wurde Ende der 60 Jahre gebaut, war eine Verbesserung gegenüber der vorherigen Haltung in Eisenbahnwaggons", beschreibt Lüdke. Ein Jahr später gab er die Altbären ab - es waren zwei Weibchen - und holte sich ein Pärchen aus dem Schweriner Zoo. Das hatte 1979 das erste Mal Nachwuchs, es gab eine große Taufe im Tierpark für Mira und Mischka. Die jungen Bären kaufte dann der Tschechische Nationalzirkus nach einem Gastspiel in Wittenberge ab. Doch sie blieben nicht der einzige Bärennachwuchs in Perleberg. Die Bärenmutter lebt übrigens heute noch, ist mittlerweile das älteste Tier der Perleberger Einrichtung.

Junge Bären wurden für Wilhelm Lüdke auch zum Valuta-Ersatz. Als er nämlich nach der großzügigen Spende einer Perlebergerin 1984 ein Elchgehege bauen lassen konnte und die Tiere aus dem hohen Norden für den Tierpark anschaffte. Der erste Elch kam vom Dortmunder Zoo. Der Tierhändler berechnet 6000 D-Mark. Im Gegenwert lieferte Lüdke junge Bären, für die folgenden Elche aber auch Wildschweine oder Mufflons. Doch Elche sind sehr kostenintensiv in der Haltung, und als es nach der Wende hieß, der Tierpark müsse kostendeckend arbeiten, schaffte Lüdke sie deshalb ab. Damals, so erzählt er, war ohnehin nicht klar, ob die Einrichtung weiter bestehen bleibt. Zum Glück setzten sich die Befürworter durch.

Eine richtige Entscheidung. Denn der Perleberger Tierpark ist längst nicht nur für die Kreisstädter ein beliebter Anziehungspunkt, umfasst mittlerweile 15 Hektar, beheimatet über 400 Tiere. Und er trägt ganz wesentlich Lüdkes Handschrift. Zu den ersten Errungenschaften nach der Wende und der Vergrößerung der Fläche gehörte das begehbare Damwild-Gehege. "So etwas hatte ich bei meinem ersten Westbesuch 1987 in der Lüneburger Heide gesehen. Dort war es ein Besuchermagnet. Das ist es bei uns auch geworden", erklärt Lüdke.

Es blieb bei weitem nicht die einzige Investition. Bereits 1992 gründete sich der Förderverein für den Tierpark. Und Dank seiner Hilfe wie auch vieler Sponsoren und Fördermittelgeber konnte Lüdke gemeinsam mit der Stadt verwaltung so große Projekte wie das neue Bärengehege umsetzen, das 1997 eröffnet wurde. Auch das Wolfsgehege, das die Tiere 2005 in Besitz nahmen, war nur mit Fördermitteln möglich. Völlig eigenständig finanzierte der Förder verein dagegen die Eulenburg, die 2007 ihrer Bestimmung übergeben wurde, und die begehbare Voliere für Sittiche und andere Vögel, die nun fast fertig gestellt ist. Sozusagen ein Abschieds geschenk für Lüdke, denn nach 35 Jahren geht der passionierte Tierfreund aus gesundheitlichen Gründen in den Vor ruhestand.

Ganz von seinen Tieren, von denen er nicht wenige mit der Flasche aufgezogen hat, kann er natürlich nicht lassen. So manches Mal wird er sie ganz sicher besuchen. Und wenn sein ehemaliges Team einen Rat braucht, "gebe ich den gerne", verspricht er und wünscht allen, vor allem seinem Nachfolger Tierarzt Michael Niesler, viel Erfolg.

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