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Jüdische Gemeinde bekommt restaurierte Thorarolle zurück : Ein Fest für das Buch der Bücher

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Die Jüdische Gemeinde in Rostock hat gestern eine restaurierte Thorarolle zurückbekommen. Landesrabbiner William Wolff (83) las in einem Gottesdienst vor 150 Gästen erstmals daraus vor.

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erstellt am 30.Jan.2011 | 06:39 Uhr

Steintor-Vorstadt | Mit der Feder eines Vogels und hat Alexander Hoffmann gestern in der Rostocker Synagoge die neue Thorarolle der Jüdischen Gemeinde vervollständigt. Der Schriftgelehrte schrieb die letzten zwölf Buchstaben des fünften Buches Mose hinein - denn der jahrtausendealten Tradition entsprechend darf eine Thora nur unvollendet in die Synagoge gebracht werden. " "Wir fühlen uns gesegnet durch die Ankunft der Thorarolle", sagte Landesrabbiner William Wolff.

Mit einem Gottesdienst hat die Jüdische Gemeinde den Einzug der rund 200 Jahre alten und in den vergangenen Monaten aufwändig restaurierten Rolle gefeiert. Landesrabbiner Wolff las zum ersten Mal daraus vor, Kapitel 25 aus dem zweiten Buch Mose - den aktuellen Wochenabschnitt.

200 Jahre altes Pergament

Rund 150 Gäste nahmen an der Zeremonie teil. Darunter waren Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD), Landtagspräsidentin Sylvia Bretschneider (SPD), Bürgerschaftspräsidentin Karina Jens (CDU) und Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos).

Die rund 200 Jahre alte Pergamentrolle ist die dritte im Besitz der Gemeinde. Sie war verschlissen, teilweise unleserlich und konnte dank umfangreicher Spenden von Gemeindemitgliedern und des Zentralrats der Juden in Deutschland in Höhe von weit mehr als 10 000 Euro restauriert werden. Die 60 Zentimeter hohe und rund 15 Meter lange Rolle aus Pergament enthält die fünf Bücher Mose mit den 613 Ge- und Verboten für Angehörige des jüdischen Glaubens. "Wie bewältigt man sie, wie verkörpern wir sie im Alltag?", sagt Landesrabbiner Wolff. Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan J. Kramer, betonte, die Aufnahme einer neuen Thorarolle sei für jede Jüdische Gemeinde ein wichtiges Ereignis. Dies gelte vor allem für Rostock, denn die Rolle markiere die erfreuliche Wende, die das jüdische Leben in der Hansestadt in den 20 Jahren erfahren hat. "Es ist immer ein erhebendes Gefühl, wenn die Thorarolle hervorgeholt und ausgebreitet wird, wenn wir aus ihr vorlesen, so wie Juden seit Tausenden von Jahren aus der Thora vorlesen", sagte Kramer. Jüdische Präsenz in Rostock gehe bis ins 13. Jahrhundert zurück, aber erst mit der Reichsgründung 1871 durften sich Juden offiziell in Rostock niederlassen, sagte Kramer. 1933 lebten 350 Juden in Rostock.

700 Mitglieder gehören zur Rostocker Synagoge

Die meisten flohen ins Ausland. Von denen, die nicht rechtzeitig hatte fliehen können, wurden die meisten ermordet. In Rostock leben heute nach Gemeindeangaben 700 Juden, in ganz Mecklenburg-Vorpommern sind es 1700. Für Ministerpräsident Sellering ist der Wiedereinzug der Thorarolle in die Synagoge ein "weiterer Meilenstein für das wiedererstandene jüdische Leben." Eine eigene Thorarolle sei für die Jüdische Gemeinde das sichtbare Zeichen, dass sie an alte Traditionen anknüpfen, aber auch wieder mehr aus Eigenem leben kann. "Es ist das Zeichen, dass sie hier ihre Heimat hat", sagte Sellering. Er würdigte jüdischen Glauben und Kultur als wichtigen Teil kultureller Vielfalt. "Die jüdische Kultur bereichert unsere Lebenskultur mit ihren Gebräuchen, ihrer Kunst, ihren Geschichten und Erfahrungen." Respekt vor dem anderen kennzeichne die Gesellschaft. Kein Platz aber hätten Rechtsextremismus, Hass und Gewalt.

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