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Lokales

24. September 2017 | 19:47 Uhr

Ein Dach überm Kopf für Flüchtlinge

vom

svz.de von
erstellt am 17.Okt.2010 | 08:37 Uhr

Perleberg/Lenzen | Mit der Aktion "Schaustelle Stadtkern" wurde am vergangenen Wochenende in 31 brandenburgischen Kommunen mit historischem Stadtkern das diesjährige Kulturlandprojekt "Frauen in Brandenburg und Preußen" abgeschlossen.

In Perleberg war die Schaustelle Stadtkern die ehemalige Mädchenschule der Stadt, das heutige Haus II des Gottfried-Arnold-Gymnasiums. Denn dieser Gebäude diente 1945 als Flüchtlingszentrale. Hier kamen unzählige Heimatlose an, die kurzzeitig ausruhten, um weiterzuziehen oder hier in der Prignitz einen Neubeginn bewältigen mussten. Unter ihnen Brigitte Pfabe. In einer Nacht im Februar musste die damals knapp Sechsjährige mit ihrer Mutter und Schwester die Heimat im Kreis Meseritz in Ostpreußen verlassen. "Ein Offizier kam zu uns sagte zu meiner Mutter: Wenn Sie heute Nacht nicht mitkommen, dann bleiben sie hier."

Nur mit den wichtigsten persönlichen Dingen im Gepäck stieg die kleine Familie - der Vater war noch im Krieg - auf einen Pferdewagen. "Wir saßen gemeinsam mit verwundeten Soldaten auf dem offenen Wagen, es war sehr kalt", erinnert sich die heutige Karstädterin. Und auch daran, dass sie zum Bahnhof gebracht wurden, es von dort mit dem Zug zunächst bis Frankfurt (Oder) ging. "Der Warteraum dort war völlig überfüllt, die Menschen verrichteten ihre Notdurft teilweise in Ecken des Raumes." Wie sie weiter bis Perleberg gekommen ist, weiß Brigitte Pfabe nicht mehr so genau, nur "dass es uns sehr schlecht ging". In dem Schulhaus in der Wilsnacker Straße fanden sie erst einmal ein Bleibe. "Wir schließen auf Stroh", erinnert sie sich.

Am Sonnabend kündet in dem Schulhaus nichts mehr von jener Zeit. "65 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges können sich die meisten nicht mehr vorstellen, welches Leid und Elend die Menschen damals durchmachten", beschreibt Martina Hennies, Mitarbeiterin der Perleberger Stadtverwaltung vor den Besuchern, die den Weg in das Schulhaus gefunden haben. Mandy Schlee und Felix Bausemer lesen aus Erinnerungsberichten von Zeitzeugen wie Albert Hoppe. Der damalige Lehrer ist 1945 mit eingesetzt, die Flüchtlinge zu empfangen und zu betreuen. Laut seinem Bericht trifft am 1. Februar der 1. Flüchtlingszug in Perleberg ein, am 9. Februar die ersten Wagen. Schon bald sind die Straßen zugestopft mit Wagen und Gespannen. In den Schulräumen liegen hunderte Men-schen eng gedrängt auf Stroh. Eine Suchstelle wird eingerichtet , in der sich die Kartei für alle Durchreisenden befindet. Viele reisten weiter gen Westen, andere wie Brigitte Pfaber blieben, wurden in der Prignitz heimisch. Aber die Erinnerung an die schwere Zeit, an den Verlust der Heimat ist heute noch wach.

Auch in Lenzen drehte sich eine Stadtführung am Samstag um Frauen, die die Geschichte der Stadt entscheidend mitgeprägt haben. So berichtete Erika Otto auf dem Weg durch die Stadt von der Brezeltante Anna Götze, die im 17. Jahrhundert Schülern und Lehrern am Freitag vor Palmsonntag Brezeln und Schreibpapier schenkte. Die Episode der Magd, die 1703 durch unvorsichtigen Umgang mit Feuer einen Stadtbrand verursachte, der ganz Lenzen in Schutt und Asche legte, ist eine eher tragische Frauengeschichte. Und damit nicht genug, denn zwar kamen viele Helfer, um zu löschen, doch löschten sie zuerst ihren Durst in einem Weinkeller.

Darüber hinaus spielten in Erika Ottos Vortrag auch die einfach Frauen eine Rolle, die Wäsche gewaschen haben oder ihren Männern etwas zu Essen brach-ten, wenn diese im "Stumpfen Turm" infolge von Trunkenheit einsaßen.

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