Eigennutz kontra Altschulden

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29. Dezember 2010, 06:49 Uhr

Falkenhagen | In der Diskussion um das insolvente Unternehmen EOP Biodiesel meldet sich der frühere Vorstand zu Wort: Sven Schön, bis zum 27. Oktober 2009 Vorstandsvorsitzender bei EOP, erhebt in einem Brief an die Redaktion schwere Vorwürfe am Geschäftsgebaren seiner Nachfolger. So kritisiert Schön unter anderem den Versuch, das EOP-Hauptprodukt, Bio diesel, nach Zusammenbruch der Auslandsbeteiligungen in Österreich und Lettland allein auf dem deutschen Markt zu verkaufen, obwohl bekannt gewesen sei, das damit die Kosten nicht zu decken sind.

Dem entgegnet EOP-Pressesprecher Jürgen Herres, dass die EOP Biodiesel AG in diesem Kalender- und Geschäftsjahr erstmals seit langem einen positiven Gewinn im operativen Geschäft erzielt habe. "Geschuldet ist das der Strategie der beiden neuen Vorstände, sich auf den Standort Falkenhagen zu konzentrieren und die Produkte in Deutschland zu vermarkten." Aufgrund der hohen finanziellen Belastung aus der Vergangenheit werde der Jahresabschluss dennoch negativ ausfallen, weil die Gewinne nicht reichen, die bisherigen finanziellen Belastungen auszugleichen.

Auch die Anschuldigung seines früheren Kollegen Schön, vorwiegend in die eigene Tasche gewirtschaftet und gemeinsam mit weiteren Vorstandsmitgliedern rund 500 000 Euro an liquiden Mitt eln aus dem Unternehmen genommen zu haben - "Das jetzige Management hat sich schamlos bedient", schreibt Schön - widersprechen die Verantwortlichen bei EOP vehement. "Ich bin weder gierig noch schamlos", kommentiert Vorstandsvorsitzender Jörg Jacob. "Die von Herrn Schön angesprochenen 1600 Euro pro Tag sind Bestandteil des Beratervertrages, den Herr Schön selbst mit mir unterzeichnet hatte. Inzwischen bin ich jedoch Vorstandsvorsitzender und habe seit geraumer Zeit beim Unternehmen einen Anstellungsvertrag und keinen Beratervertrag mehr. Der Anstellungsvertrag wurde durch den Aufsichtsrat genehmigt und von einer unabhängigen Beratergesellschaft geprüft und bestätigt."

Auch Schöns Kritik, die Kündigung der Kredite und die daraus resultierende Insolvenz sei auf mangelnde wirtschaftliche Erfolge des neuen Vorstandes und fehlendes Vertrauen der Banken zurückzuführen, entbehrt laut EOP jeder Grundlage. "Die Banken haben sehr wohl Vertrauen in den Vorstand und in das Unternehmen. Allerdings wollten Großaktionäre auf der Hauptversammlung im Mai einer Kapitalherabsetzung und der damit verbundenen finanziellen Sanierung des Unternehmens nicht zustimmen", so Pressesprecher Jürgen Herres. Aus diesem Grund hätten sich auch die Banken nicht in der Lage gesehen, die gewährten Kreditlinien über das Jahr 2010 hinaus zu verlängern, wenn Großaktionäre der Sanierung des Unternehmens nicht zustimmen wollten.

Die von Sven Schön in seinem Brief angeführte und seiner Meinung nach vom Vorstand leichtfertig vergebene Chance, EOP durch Integration in einen finanzkräftigen Konzern oder Verkauf zu retten und regionale Arbeitsplätze und Aktionärskapital zu erhalten, habe es so gar nicht gegeben, erklärt das Unternehmen. "Es gab von keinem anderen Unternehmen Angebote zur Fusion oder Zusammenarbeit", erklärt Herres. "In Kooperation mit dem Insolvenzverwalter ist es unser Bestreben, trotz des Insolvenzverfahrens so viele Arbeitsplätze wie möglich zu erhalten."

Während Ex-Vorstand Schön die inzwischen ein Jahr andauernde Sanierung des Konzerns für gescheitert hält, wollen die EOP-Chefs nicht aufgeben. "Wir betrachten die Sanierung des Unternehmens nicht als gescheitert, denn wie erwähnt gibt es zum ersten Mal seit Jahren einen Gewinn im operativen Geschäft", so Jürgen Herres. "Allerdings krankte die EOP Biodiesel AG bis zum Insolvenzantrag an den Altschulden aus den Fehlern der vergangenen Jahre."


Hintergrund und Chronologie: EOP Biodiesel

Am 14. September 2005 geht EOP als erster Biodieselhersteller in Deutschland nach nur einem Jahr operativer Tätigkeit an die Börse.

November 2005: Expansion nach Lettland mit der Baltic Holding Company (BHC)

Juli 2006: Beteiligung an österreichischem Biodieselhersteller ABID Biotreibstoffe AG

März 2007: feierliche Eröffnung des Werkes III in Falkenhagen mit einer Biodieselkapazität von 100 000 Tonnen

Juli 2007: offizielle Inbetriebnahme der ABID Biodiesel Anlage mit 50 000 Tonnen Jahreskapazitä

Mai 2008: Betriebsstart für eigenen Gleisanschluss und neues Tanklager
Karl-W. Giersberg (CFO/kaufmännischer Geschäftsführer) und Sven Schön (CEO/geschäftsführendes Vorstandsmitglied) verlassen das Unternehmen

November 2009: Neubestellung von Heinz-Dieter Sluma als CEO und Jörg Jacob als CFO; Heinz-Dieter Sluma verlässt im Dezember das Unternehmen und Jörg Jacob wird CEO.

Dezember 2009: Verkauf der Anteile an der ABID Biotreibstoffe AG mit allen Bankgarantien

März 2010: Neubenennung des Aufsichtsrats mit Detlef Specovius als Vorsitzendem

14. Dezember 2010: Vorstand beantragt Eröffnung des Insolvenzverfahrens; Verhandlungen mit Banken über weitere Finanzierung gescheitert; Fortführung des Geschäftsbetriebs ist oberstes Ziel; Produktion soll nach Möglichkeit im Januar wieder aufgenommen werden

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