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Lokales

21. Oktober 2017 | 18:05 Uhr

Ehrengast Brüderle bei der Gen-Ernte

vom

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erstellt am 31.Aug.2010 | 10:12 Uhr

Röbel | Trillerpfiffe und Buuh-Rufe tönen herüber, als Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle seine Lobrede auf die Gentechnik startet. Im schicken Dienstwagen und mit Sicherheitspersonal ist der FDP-Politiker am gestrigen Dienstagmittag in den Müritzkreis gerauscht, um die ersten Kartoffeln aus einem Acker bei Zepkow zu holen - symbolischer Erntestart für die gentechnisch veränderte Kartoffel Amflora. Die baut der Chemiekonzern BASF aus Ludwigshafen seit April auf 15 Hektar dort an. Obwohl Anwohner und Naturschützer immer wieder heftig dagegen protestiert hatten.

"Die Unbedenklichkeit ist nicht gewährleistet"

Auch heute, beim lange geheim gehaltenen Besuch des Ministers, haben sich spontan rund 15 Gentechnik-Gegner und Umweltschützer vor dem Feld postiert, mit Trillerpfeifen, einer aufblasbaren Kartoffel und Plakaten. "Vorsicht, Gen-Kartoffeln" steht da drauf, "Gen dreck weg". Und : "Die Lobbyisten und ihr kleines Brüderle". "Wir fordern, dass Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner die Zulassung für Amflora zurückzieht", sagt Burkhard Roloff, Agrarexperte vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). "Die Unbedenklichkeit ist einfach nicht gewährleistet". Eine junge Frau vom "Bundesvorstand Deutscher Pflanzenzüchter" hält lautstark dagegen, redet minutenlang auf die Reihe der Protestler ein: "Amflora wurde 13 Jahre lang geprüft und hat mehrfach ihre Unbedenklichkeit für Mensch, Tier und Umwelt bewiesen", ruft sie. Aber es gehe hier nicht nur um Amflora, sondern um die grüne Gentechnik überhaupt. "Die Möglichkeiten sind noch viel größer."

"Wir laufen sonst der Zukunftsentwicklung hinterher"

Amflora ist nicht für den Verzehr gedacht und soll laut BASF ausschließlich als Stärke-Lieferant etwa in der Papierherstellung eingesetzt werden. Gentechnik-Gegner wie Roloff glauben trotzdem, dass die Kartoffel in die Nahrungskette von Mensch und Tier gelangen könnte, trotz aller Vorsichtsmaßnahmen. Weil Amflora ein bestimmtes Resistenzgen enthält, könnte das sogar dazu führen, dass Antibiotika-Medikamente bei Menschen nicht mehr helfen, sagt Roloff. Und: "Wenn 70 Prozent der Deutschen keine Gentechnik wollen, brauchen wir dafür auch keine staatlich geförderte Forschung."

Direkt an Brüderle können Roloff und die anderen Protestler ihre Bedenken aber nicht richten - denn das Redepodest, auf dem der Minister spricht, steht fast direkt neben dem schlammigen Kartoffel-Acker - und auf dieses "Privatgelände" lässt BASF die Mannschaft nicht vorrücken. Brüderle blickt stattdessen in die wohlwollenden Gesichter von 30 BASF-Mitarbeitern, anderen Unternehmern, Bauern und Gentechnik-Befürwortern, als er die "Pionierarbeit" und das Durchhaltevermögen von BASF lobt und von neuen Wegen bei der Bekämpfung von Hunger und Klimakatastrophen spricht. Die Pflanzenbiotechnologie verspreche Lösungen für viele Herausforderungen, sagt der Minister. Etwa bei der Produktion nachwachsender Rohstoffe. Deutschland müsse mutige Entscheidungen treffen, "sonst laufen wir der Zukunftsentwicklung hinterher."

Ein paar Minuten später macht sich Brüderle die Hände schmutzig: Fürs Pressefoto holt er in Anzug und Gummistiefeln die ersten Gen-Kartoffeln aus der Erde und hält die Knollen lächelnd in die Kamera. "Es gibt viele Ängste, und die muss man respektieren. Aber am Schluss muss man die Kraft haben, eine Entscheidung zu treffen", entgegnet er auf die Frage von Journalisten, ob er die Ängste der Gegner nicht verstehe. Ob er selbst Gen-Kartoffeln essen würde? "Wenn so etwas auf den Markt kommt, muss es auf jeden Fall klar gekennzeichnet werden", antwortet er ausweichend. Und dann könne ja jeder Bürger selbst entscheiden. Ob es richtig ist, dass die EU über die Zulassung von gentechnisch veränderten Pflanzen entscheidet und nicht die einzelnen Länder? Brüderle will sich nicht festlegen und verweist auf Frankreich: Dort sei man gegenüber der Gentechnik viel offener, sagt er. Ob der Amflora-Anbau überhaupt sinnvoll ist, wenn die Stärkeindustrie diese Kartoffel - wie bisher signalisiert - wegen der Vorbehalte vieler Deutschern gar nicht haben will? "Das entscheidet der Markt", sagt Rainer Brüderle. Aufgabe des Staates sei es nur, dafür zu sorgen, dass es "neue Wege" gebe.

BASF will nächstes Jahr 1000 Hektar mit Amflora bepflanzen

Und die wird es nun geben. Noch ist der Feld im Müritzkreis das einzige in Deutschland, auf dem gentechnisch veränderte Pflanzen kommerziell angebaut werden. Beim Besuch des Ministers lässt BASF-Vorstand Jürgen Hambrecht aber keinen Zweifel daran, dass sich das in den kommenden Jahren ändern wird. Erst im Frühjahr hatte das Unternehmen von der EU die Zulassung für den kommerziellen Anbau der Amflora-Kartoffel erhalten - 13 Jahre nach der Antragstellung. In den kommenden Tagen sollen nun die ersten 15 Hektar bei Zepkow abgeernet werden, außerdem rund 80 Hektar in Schweden und 150 in Tschechien. Nächstes Jahr wird das Unternehmen dann schon 1000 Hektar mit der Amflora-Kartoffel bestellen können. Und: "Wir haben gestern in Brüssel die Zulassung für eine neue Gen-Kartoffel beantragt", sagt BASF-Vorstand Jürgen Hambrecht. "Amadea" bringe mehr Etrag und sei noch resistenter gegen Pilze und Viren als Amflora. Die nächste Generation.

"Diese Ausgrenzung finde ich heftig"

Nach einer knappen Dreiviertelstunde mit den Unternehmern auf dem Acker rauscht Rainer Brüderle wieder ab nach Berlin - und lässt die Gentechnik-Gegner, die abseits an der Landstraße ausharren mussten, verärgert zurück. "Was für eine überzogene Einladung", sagt Silke Gajek, Landes-Chefin der Grünen. "Und diese Ausgrenzung finde ich heftig. Herr Brüderle hat uns gar nicht die Möglichkeit gegeben, mal die andere Position darzustellen." Das sei reiner Lobbyismus. "Ich hab mich gefühlt, wie hinter einer Mauer."

Ihr Mitstreiter Burkhard Roloff vom BUND versucht trotzdem, gute Stimmung zu verbreiten. "Wir wissen jedenfalls: Wir haben für rund 70 Prozent der Deutschen protestiert, die die Gentechnik nicht haben wollen", sagt Roloff. Herr Brüderle und die Bundesregierung wüssten nicht so viele Deutsche hinter sich.

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