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Lokales

11. Dezember 2017 | 03:14 Uhr

Dörfer vom schnellen Netz abgehängt

vom

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erstellt am 04.Mai.2010 | 07:29 Uhr

Schwerin | Im Schneckentempo über die Datenautobahn: Große Teile Mecklenburg-Vorpommerns sind trotz Millioneninvestitionen nach wie vor von einem leistungsfähigen schnellen Internetzugang abgeschnitten. Es bestehe "für fast die gesamte Fläche des Landes eine Unterversorgung", geht aus dem unserer Zeitung vorliegenden, noch internen Breitband-Bericht der Landesregierung hervor.

Die Analyse fällt verheerend aus. Spätestens Ende 2010 sollten flächendeckend leistungsfähige Breitbandanschlüsse zur Verfügung stehen, hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) 2008 zugesagt. Ziel sei es, "bis ins letzte Haus" Breitband-Internet verfügbar zu machen, stellte sie damals in Aussicht. Eineinhalb Jahre später ist die Realität in MV davon weit entfernt.

Keine gesicherten Erkenntnisse über den Versorgungsgrad

Dem Breitbandatlas des Bundeswirtschaftsministeriums zufolge verfügen in MV 91,87 Prozent der Haushalte über einen Internetanschluss mit einer Datenübertragungsrate von mehr als ein Megabit (Mbit) je Sekunde - vorletzter Platz im Ländervergleich. Schlechter ist nur noch Sachsen-Anhalt. Dabei ist die Situation vor allem in ländlichen Regionen dramatischer als gedacht. "Insgesamt muss festgestellt werden, dass die Versorgung im ländlichen Raum als nicht bedarfsgerecht einzuschätzen ist", wird im Landesbericht analysiert. Schlechte Aussichten: Die Expertenrunde erwartet, "dass das Ziel nach der Breitbandstrategie der Bundesregierung, bis 2010 jeden Haushalt mit einer Möglichkeit zum Internetzugang mit mindestens 1Mbit/s zu versorgen, nicht erreicht werden kann". Die Internetexperten in Schwerin hegen sogar Zweifel daran, dass der vom Bund angegebene Versorgungsgrad von 97,04 Prozent aller Haushalte, die wenigstens über eine Datenrate von 128 Kilobit (kbit) je Sekunde verfügen, der Situation vor Ort entspricht. "Noch mehr Zweifel bestehen ... daran, dass für 91,87 Prozent aller potenziellen Nutzer eine Technik mit mindestens 1 Mbit/s verfügbar ist." Das wundert nicht: "Es gibt keine gesicherten Erkenntnisse über den Versorgungsgrad", kritisierte Agrarminister Till Backhaus (SPD). Nach wie vor lasse es die Bundesregierung an einem aussagekräftigen Breitband-Atlas fehlen, der Auskunft über die bestehende Infrastruktur geben könnte. Stattdessen verkünde die Bundesregierung mit ihren Breitband-Plänen Ziele, "die nicht nur ambitioniert sondern überzogen" seien und wälze die Verantwortung auf die Länder ab. Für eine gesicherte Datenbasis werde MV einen eigenen Standortkatalog erarbeiten, sagte Backhaus. Dazu sei zwei Mitarbeiter eingestellt worden.

Die Kritik lassen die Anbieter nicht gelten. So habe die Telekom in den vergangenen Jahren je zweistellige Millionenbeträge in den Netzausbau in MV investiert und werde dies auch in den kommenden Jahren tun, hob Telekom-Sprecher Georg von Wagner gestern die Anstrengungen seines Unternehmens hervor. Allerdings gestand er: Eine Garantie, dass jedes Gehöft mit einer Datenübertragungsrate von zwei bis sechs Mbit ausgestattet werde, sei aus Kostengründen "eher kritisch zu sehen". Ohnehin ist das Interesse auf dem Land Branchenangaben zufolge zurückhaltender als in den Städten. Während in den Dörfern zwischen 20 und 30 Prozent ans schnelle Netz wollten, seien es in den Städten mehr als 50 Prozent.

Landesregierung setzt auf Technologiemix

Mit Millionenhilfe will das Land jetzt den Ausbau schneller Internetverbindungen voranbringen und durch bessere Konditionen die Zurückhaltung in den Kommunen abbauen. Dabei setzt die Landesregierung auf einen Technologiemix - Lösungen über Kabel, Funk, Satellit. Bislang sei nach Investitionen von 10,3 Millionen Euro in 88 Projekten in MV die so genannte Wirtschaftlichkeitslücke mit knapp vier Millionen Euro Förderung ausgeglichen worden, erklärte Backhaus. Damit sind insgesamt 6114 private und 1498 gewerbliche Nutzer schneller im Netz unterwegs. Der Bedarf ist groß: Bis Ende 2009 hatten 23 000 Nutzer bei der Landeskoordinierungsstelle Breitband Bedarf an schnellen Internetzugängen angemeldet - monatlich kommen weitere 500 Fälle dazu. Dabei stammt jede fünfte Bedarfsmeldung aus dem gewerblichen Bereich, heißt es in dem Bericht. Bei der Koordinierungsstelle, die die Gemeinden im Förderverfahren unterstützen soll, gingen zudem rund 200 Projektanträge von Kommunen ein.

Der Fördertopf ist noch gut gefüllt, das Interesse der Kommunen aber verhalten: Bis 2011 stünden jährlich 1,3 Millionen Euro allein an Agrarstrukturbeihilfen bereit. Gemeinden sollten im Interesse ihrer Bürger Förderanträge stellen, appellierte Backhaus an die Bürgermeister, die bestehenden Finanzie rungschancen zu nutzen. "So günstig wird es nicht wieder", meinte der SPD-Politiker und forderte, die Finanzhilfe bis 2013 auszuweiten. "Neben Wasser, Abwasser oder Stromanschlüssen gehört auch eine schnelle Internetanbindung heute zu den Standortfaktoren."

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