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Lokales

19. August 2017 | 02:04 Uhr

Dörfer unter Öko-Strom

vom

Schwerin | Den Energiekonzernen droht in MV ein Milliardengeschäft verloren zu gehen: In den nächsten Jahren wird Prognosen des Landes zufolge mehr als jede zweite Gemeinde die Strom- und Wärmeversorgung selbst in die Hand nehmen. Ziel seien 500 energieautarke Kommunen, erklärte Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) gegenüber unserer Zeitung.

Die Bürgermeister treten auf die Kostenbremse: "Wir wollen weg von der Abhängigkeit zu den großen Energiekonzernen, Strom und Wärme vor Ort erzeugen und über die Preise selbst entscheiden", erklärt Manfred Kubitz, stellvertretender Bürgermeister von Barth. Die von den Energieriesen in den letzten Jahren stetig erhöhten Strom- und Gastarife sorgen für Frust auf dem Land. Eine Milliarde verlangen die Versorger von den Verbraucher in Deutschland nach Berechnungen der Grünen-Bundestagsfraktion allein in diesem Jahr zu viel. Besonders im Osten: Dort liegen die Strompreise um bis zu 46 Prozent über dem Westniveau. "Das ist Sprengstoff und befördert unsere Pläne", meinte Kubitz. Die 9000-Einwohner-Stadt Barth hat sich auf den Weg zum Bioenergieort gemacht. Der Anfang ist bereits gemacht: Von einer nahe gelegenen Biogasanlage wird das Gas, das bislang abgefackelt worden war, künftig zur Wärmegewinnung in der Stadt genutzt, erklärt der Rathaus-Vize. Die Leitungen zu den Stadtwerken seien bereits gelegt. Aber auch mit Holz aus dem stadteigenen Wald lasse sich Energie erzeugen. Ein Gutachten soll jetzt die Chancen der Energiegewinnung vor Ort aufzeigen.

Die Voraussetzungen stehen gut. In MV seien inzwischen 250 Biogasanlagen mit 155 Megawatt elektrischer Gesamtleistung und 16 Biomasseheizkraftwerke mit 40 Megawatt elektrischer und 260 Megawatt thermischer Leistung am Netz, teilte Backhaus mit. Damit könnten bereits 345 000 Haushalte mit Strom versorgt, 240 000 Tonnen Gas und Öl sowie 650 000 Tonnen CO 2 eingespart werden. "In der Biomassenutzung steckt Potenzial", meint Backhaus. Derzeit liege der Anteil der Bioenergie beim Primärenergieverbrauch in MV bei zehn Prozent, 2020 sollen es 24 Prozent sein, prognostizierte der Umweltminister.

Das sorgt für Arbeit im ländlichen Raum: In MV werde derzeit auf 16 Prozent der Anbaufläche Biomasse für die Energiegewinnung produziert. Nutzt man Biomasse dezentral zur Energiegewinnung, bleibt die Wertschöpfung in der Region, meinte Backhaus. Das Geschäft lohnt: Allein der Aufbau der Anlagen in den künftigen energieautarken Regionen würde Investitionen von fünf Milliarden Euro auslösen.

Energieerzeugung auf den Dächern von Privathäusern, Biogasanlagen von Landwirten, die Strom und Wärme verkaufen, Windkraftanlagen am Dorfrand: die Bioenergiedörfer in Mecklenburg-Vorpommern nehmen Konturen an. 85 Gemeinden mit 300 Orten haben inzwischen ernsthaftes Interesse an den neuen Technologien. Mit dabei beispielsweise Lübesse, Thandorf, Brenz, Gallin-Kuppentin, Jürgenshagen, Langen Jarchow, Barth und Neustrelitz. In 21 Kommunen gebe es bereits Rats- oder Gemeinderatsbeschlüsse, Bioenergiedorf zu werden, so Backhaus. Finanziert aus dem Zukunftsfonds treibt das Land gemeinsam mit der Akademie für Nachhaltige Entwicklung in Güstrow Beratung für umsteigewillige Kommunen voran, das so genannte Bio energiedorf-Coaching. Bis 2011 stellt das Land den Gemeinde u. a. 170 000 Euro für dörfliche Potenzialanalysen bereit.

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erstellt am 04.Aug.2010 | 07:45 Uhr

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