Dirk Harder lässt Menschen sehen

<strong>'Menschen wieder sehen zu lassen,</strong> macht süchtig', sagt der Arzt aus Leidenschaft. <foto>bhim</foto>
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"Menschen wieder sehen zu lassen, macht süchtig", sagt der Arzt aus Leidenschaft. bhim

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10. Juli 2012, 09:48 Uhr

rostock | Einen Unterschied will er machen, nicht nur Arzt, sondern auch Helfer sein. Schon 14 Jahre arbeitet der Augenarzt Dr. Dirk Harder in tropischen Entwicklungsländern. Für sechs Wochen war Harder jetzt in Malawi. Doch als der 49-Jährige ins Flugzeug stieg, wusste er nur grob, was ihn erwartete. Harder sollte eine Kollegin vertreten in dem ostafrikanischen Land, in dem er noch nie war. Malawi gehört zu den ärmsten Ländern der Welt und zwölf Prozent der Bevölkerung sind mit HIV infiziert. Doch auch andere, in Deutschland leicht behandelbare Krankheiten stellen das Land vor große Probleme. An Fachärzten mangelt es ohnehin. Besonders verheerend wirkt der Graue Star, eine Augenkrankheit, die ohne nötige Operation zur Blindheit führt, wie Harder erklärt. In Malawi durfte er operieren, helfen, Menschen wieder sehen lassen. "Das Gefühl, diese Dankbarkeit der Menschen, die auf einmal wieder sehen können, ist unbeschreiblich", sagt Harder.

Notleidenden helfen, statt Formulare ausfüllen

Nach seinem Medizinstudium in Greifswald ist der Augenarzt desillusioniert. Das bürokratische, hierarchische Gesundheitssystem in Deutschland macht all die Ideale, die ihn durch das Studium getragen haben, zunichte. "Ich musste hier weg, wollte etwas bewegen, nicht Formulare ausfüllen." Er schwärmt damals für Albert Schweitzers Arbeit. Die Christoffel-Blindenmission Deutschland (CBM) ermöglicht ihm den Weg nach Afrika. 1997 geht Harder nach Kamerun, kann endlich helfen. 2000 siedelt er nach Simbabwe um, wo der Augenarzt neun Jahre leben wird. Es folgen drei weitere Jahre im Südseestaat Fidji, wo er junge Ärzte ausbildet. Im vergangenen Jahr kommt er der Familie wegen wieder nach Deutschland zurück, tritt eine Stelle bei einer Augenklinik in Rostock Lütten Klein an.

Die Sehnsucht nach Afrika aber bleibt. Es zieht Harder immer wieder hinaus. Die Arbeit in der Dritten Welt brächte ihn stets an die Grenzen seiner physischen und psychischen Belastbarkeit. "Doch genau das ist mein Leben, ein Leben neben der Hauptstraße", sagt er. "Vormittags die Operationen, nachmittags die Arbeit in der Klinik, abends kommen gewöhnlich ein, zwei Leute zum Schachspielen in mein Haus", beschreibt Harder seinen Tagesablauf in Malawi. Die Arbeit ist dabei anders, als er es kennt. Denn in Malawi werden unter anderem Katarakte, also der Graue Star, auch von Unstudierten operiert. Ärzte werden nur bei komplizierten Fällen konsultiert. 20 Operationen führt Harder in Malawi am Tag durch. Für ihn ist es nicht nur das Fremde, was ihn interessiert. Harder ist Arzt aus Leidenschaft: "Blinde wieder sehen zu lassen, macht süchtig." Und ein Teil von ihm ist auch afrikanisch geworden: Immer wieder lässt er englische Begriffe in seine Erzählungen einfließen, seine Beschreibungen werden anekdotisch und begeistern.

"Ich pendele ja schon so viele Jahre zwischen den Welten , aber immer noch machen mich diese enormen Unterschiede sprachlos." Harder nennt sich "buscherprobt", berichtet aber auch von den Negativseiten. Das Leben in Afrika sei manchmal quälend langsam und viel zu häufig ergeben sich die Menschen ihrem Schicksal einfach, reden sich mit dem Willen Gottes raus. Harder berichtet auch von Freunden, die er kennenlernen durfte, und auch das ärmere Leben störe ihn kaum: "Ich brauche nicht mehr als ein Bett und ein Buch. Wenn sich abends auch noch ein Pfeifchen zum Rauchen findet, geht es mir gut." In Kamerun wird er überfallen, ist auch entnervt von dem waghalsigen Straßenverkehr und hat es mehrfach mit Giftschlangen zu tun, doch am Ende überwiegt für ihn immer das Positive. Er schwärmt von der Freundlichkeit der Menschen. Selbst in Simbabwe, wo der Diktator Mugabe eine rassistische Kampagne gegen die Weißen anzettelt, wird er freundlich aufgenommen. "Fast alle Menschen waren gut zu mir. Der Rassismus ist nur politisch etabliert, die Menschen bleiben Menschen", berichtet Harder. Irgendwann wolle er aus all seinen Erfahrungen ein Buch machen. "Das war aber ganz sicher noch nicht mein letzter Afrika-Aufenthalt", sagt Harder. Anfragen liegen schon vor: In Nigeria und Liberia soll er Ärzte ausbilden, in den Pazifik-Staat Samoa hat ihn der dortige Gesundheitsminister persönlich eingeladen. Harder lächelt verhalten glücklich, wenn er über diese Aussichten spricht.

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