"Diese Wunden verheilen nie"

Vorbereitungstreffen für die Anti-Gewalt-Woche: Klaus Bieligk wird am 25. November aus 'An Paris hat niemand gedacht' lesen.
Vorbereitungstreffen für die Anti-Gewalt-Woche: Klaus Bieligk wird am 25. November aus "An Paris hat niemand gedacht" lesen.

Die Aktionswoche "Keine Gewalt gegen Frauen" wird um einen wesentlichen Bestandteil erweitert: Kinder. "In den meisten Fällen von häuslicher Gewalt sind auch sie Opfer", sagt Gleichstellungsbeauftragte Petra Willert. 235 Kinder und 353 Frauen suchten in diesem Jahr Hilfe bei der Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt. Vom 20. bis zum 30. November sollen Aktionen für das Thema sensibilisieren.

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06. November 2009, 08:39 Uhr

Schwerin | Jede vierte Frau zwischen 16 bis 85 Jahren hat in einer Partnerschaft mindestens einmal körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren - sagt eine Statistik des Bundesfamilienminis teriums. Die Zahlen, die die Schweriner Anlaufstellen vorlegen, sind nicht ganz so gewaltig, aber immer noch erschreckend hoch. "Die Zahlen erschlagen mich jedes Mal", sagte Gleichstellungsbeauftragte Petra Willert bei der Vorstellung der Aktionen zur Woche "Keine Gewalt gegen Frauen und Kinder". "Hinter jeder Zahl steckt ein erschütterndes Schicksal."

"Frauen in Not", die Anlaufstelle, die von der Awo getragen wird, betreute seit 1997 insgesamt 916 Frauen und Kinder in Einrichtungen und führte 2187 Beratungen durch. Die "Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt" registrierte von 2002 bis heute insgesamt 2095 Fälle, davon betroffen waren mehr als 1900 Kinder. Die "Frauenpension" nahm sich in den vergangenen neun Jahren 144 Frauen an, und die Anlaufstelle für vergewaltigte Frauen und Mädchen "Klara" zählte seit 2000 rund 720 Klientinnen.

"Häusliche Gewalt darf nicht totgeschwiegen werden, denn diese Wunden verheilen nie", betont Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow, die Schirmherrin der Aktionswoche ist und sie als Politikerin seit Jahren aktiv begleitet. "Im schlimmsten Fall schleppen Kinder diese Gewalterfahrung ein Leben lang mit sich herum und tragen sie vielleicht sogar weiter, wenn ihnen nicht geholfen wird." Seit 1990 sei das Thema in Schwerin unter anderem durch die Anti-Gewalt-Woche aus der Tabu-Zone geholt worden, und es sei ein gutes Netzwerk entstanden, an dem auch Land, Polizei und Wohlfahrtsverbände mitwirken.

Vom 20. bis zum 30. November gibt es in Schwerin verschiedene Aktionen unter der Überschrift "Keine Gewalt gegen Frauen und Kinder". Am Freitag, 20. November, wird vor dem Rathaus eine Terre-des-Femmes-Fahne gehisst. Um die Sprachlosigkeit einer Mutter und die Traumatisierung einer Tochter angesichts des gewalttätigen Vaters geht es in einer Buchlesung mit Schauspieler Klaus Bieligk: Er wird am 25. November um 15 Uhr bei "Frauen im Zentrum" in der Arsenalstraße 15 aus Veronika Peters Roman "An Paris hat niemand gedacht" vortragen. Vom 20. November an machen Plakate in Bussen und Bahnen des Nahverkehrs auf die Notrufnummer 5 55 73 56 aufmerksam, unter der sich Frauen anonym beraten lassen können. Am Abend des 27. November soll im Dom für jede misshandelte Frau eine Kerze entzündet werden.

Hintergrund der Aktionswoche ist der Internationale Tag "Nein zu Gewalt an Frauen" am 25. November. Er erinnert an den Tod der drei Schwestern Mira bal, die am 25. November 1960 in der Dominikanischen Republik vom militärischen Geheimdienst gefoltert, vergewaltigt und ermordet wurden.

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