Die Werkstatt im blauen Lieferwagen

Amboss und Hammer sind die wichtigsten Werkzeuge für den Hufschmied Mirko Dähn. Weber
Amboss und Hammer sind die wichtigsten Werkzeuge für den Hufschmied Mirko Dähn. Weber

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26. September 2009, 08:27 Uhr

Banzkow | Mit einer Zange holt Mirko Dähn die glühenden Eisen aus dem Feuer. Mit einigen kräftigen Schlägen bringt er sie in Form. Zuerst das rechte, dann das linke. So hat er es von seinem Vater gelernt und so haben es auch schon Generationen von Schmieden vor ihm gemacht. "Das Handwerk ist im Prinzip seit Jahrhunderten gleich - ausschneiden, raspeln, aufbrennen, nageln", sagt er. "Aber in jedem Jahr kommt etwas neues auf den Markt." Die Produkte und Materialien im Pferdesport verändern sich schnell. "Da muss man dran bleiben", sagt Mirko Dähn. Gemeinsam mit seinem Vater betreibt er den Schmiede- und Schlossereibetrieb Dähn in Banzkow. Seine Arbeit gleicht der, die sein Vater vor Jahrzehnten auch schon gemacht hat. Und doch haben sich viele Umstände seitdem geändert.

"Früher sind die Leute mit ihren Pferden in die Schmiede gekommen. Heute fahre ich zu ihnen", erzählt Mirko Dähn. Der Innenraum seines blauen Kleintransporters gleicht deshalb einer fahrbaren Werkstatt: Werkbank, Bohrmaschine, an den Wänden Werkzeuge und Dutzende stählerne Rohlinge von Hufeisen. Wenn Mirko Dähn die Hecktüren des Transporters öffnet, steht vornan auf Kniehöhe der Amboss - eines seiner wichtigsten Geräte. Auf ihm schmiedet er die glühenden Eisen. Gleich nebenan bollert ein kleiner Gasofen. Darin das zweite Paar Eisen für den Vollblutwallach, der keine zehn Meter entfernt in der Stallgasse steht. Das überschüssige Horn an seinen Hufen hat Mirko Dähn schon geschnitten und an den Kanten geraspelt.

Ab und zu öffnet Mirko Dähn die Klappe, um die darin liegenden Eisen zu kontrollieren. Erst wenn sie rot leuchtend in den Flammen liegen, kann er sie mit dem Hammer bearbeiten. "Die sind jetzt etwa 900 Grad warm", sagt er und holt eines mit der Zange heraus. Er muss sich beeilen, das Eisen mit dem Schmiedehammer in Form bringen, bevor es erkaltet. Genau so, wie er es von seinem Vater gelernt hat, als die Schmiedewerkstatt noch nicht im blauen Lieferwagen über das Land fuhr.

Wenn das Eisen die richtige Form hat, brennt Mirko Dähn es auf den Pferdehuf auf. Zuerst das rechte, dann das linke. Eine Qualmwolke macht sich zwischen den Stallboxen breit. Qualm, der nach verbranntem Horn riecht. Das Pferd wird unruhig, tritt mit den Hinterbeinen hin und her. Mit einem Schubs in die Seite und einigen bestimmten Worten bringt Mirko Dähn es wieder zur Raison. Er kennt es schon seit drei Jahren, weiß, wie er mit dem temperamentvollem Wallach umzugehen hat.

Auch den Besitzer des Pferdehofes kennt er schon lange. Seit 1997 arbeiten die beiden zusammen. "Wir können uns aufeinander verlassen. Das ist wichtig", sagt Mirko Dähn. Im Sommer kommt er, wie auf jeden Hof, alle sechs bis acht Wochen, um die Zucht- und Sportpferde und Reitponys zu beschlagen. Der Ton zwischen den beiden ist freundschaftlich.

Neue Kunden hat Mirko Dähn nur selten. Mit den langjährigen ist er fast ausgelastet. Im Winter, wenn neuer Hufbeschlag nicht so oft nötig ist, macht Mirko Dähn andere Dinge: "Stallausrüstung, Zäune, Treppen, eben alles, was im Metallbaubetrieb anfällt." Außerdem fährt er auf Messen für Hufschmiede. "Nach der Wende hat sich viel verändert. Besonders für Sportpferde kommen ständig neue Modelle, Polster und Einlagen auf den Markt", erzählt der Schmiedemeister. Um den Ansprüchen seiner Kunden, den Pferdebesitzern, heute gerecht zu werden, sei es wichtig, dass er alle Trends mitbekommt und alle neue Materialien kennenlernt, bevor er mit ihnen arbeitet.

Der Vollblüter, für den er gerade die Eisen fertigt, ist ein Springpferd. In seine Eisen schneidet Mirko Dähn Gewinde. Zuerst ins rechte, dann ins linke. Dort könne der Reiter vor dem Training oder dem Turnier Spikes einschrauben, erklärt er. "Das ist üblich", sagt er. Kompliziert werde es, wenn ein Tier nach einer Verletzung oder Krankheit lahmt. "Die wieder zum Laufen zu bringen ist das anspruchsvollste bei meiner Arbeit", erzählt er. Da mache sich die genaue Kenntnis von modernen orthopädischen Hilfsmitteln bezahlt. Und eine enge Zusammenarbeit mit dem Tierarzt.

Die Hufeisen für den Wallach sind fertig. Der Schmied hockt sich neben das große Tier, hebt dessen Bein an und legt es auf seine lederne Schürze. Sechs Nägel pro Huf schlägt er ein. Selbst wenn er mit dem Hammer die Hufe der temperamentvollsten Pferde bearbeitet, hat er keine Angst vor ihnen. "Das darf man als Hufschmied auch nicht haben", sagt er. "Wenn man die erst überwinden muss, ist die Lehrzeit vorbei". Mirko Dähn lacht. Natürlich reite er selbst auch. Seit er ein Kind ist. Mit fünf Jahren habe er sich dabei einen Arm gebrochen, aber das habe er eigentlich längst vergessen.

Nachdem der Schmied nach etwa einer Stunde mit allen vier Hufeisen fertig ist, bleibt etwas Zeit zum Fachsimpeln mit dem Personal des Pferdehofes, bevor Pony Susi gebracht wird. Die Leistungen bei den letzten Turnieren sind Thema. Und die nagelneuen Eisen, die er im Sortiment hat. "130 Euro für ein Paar Rohlinge. Das ist der Mercedes unter den Hufeisen", sagt er.

Die geschlossenen Aluminiumbeschläge sind eine der Neuheiten, auf die Mirko Dähn vor kurzem aufmerksam wurde und von denen er weiß, dass einige Kunden danach fragen. Also hat er sie dabei, in seinem blauen Lieferwagen, in der fahrbaren Werkstatt. Abgesehen von den neuen Modellen, die von Zeit zu Zeit dazukommen, sei sein Beruf aber immer noch der gleiche wie vor hunderten von Jahren, meint Dähn. "Und er wird auch in hundert Jahren noch so sein." Also macht der Schmied sich an das nächste Pferd, schneidet das Horn, probiert die Rohlinge, so wie er es von seinem Vater gelernt hat. Und so wie er tun wird, solange er Schmied ist.

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