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Ein Schritt in Richtung Inklusion : "Die Welten müssen sich berühren"

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Es ist Stevens großer Tag. Er hat wird 13 Jahre alt. Das will er mit seinen Mitschülern feiern. Dass Steven dabei ganz unbeschwert sein kann, ist keine Selbstverständlichkeit: Er ist schwerst mehrfachbehindert.

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erstellt am 11.Mär.2011 | 06:26 Uhr

Dobbertin | Es ist Stevens großer Tag. Er hat Geburtstag und wird 13 Jahre alt. Das will er mit seinen Mitschülern feiern. Dass Steven dabei ganz unbeschwert sein kann, ist keine Selbstverständlichkeit: Steven ist schwerst mehrfachbehindert. Doch in der Schule zur individuellen Lebensbewältigung in Dobbertin ist er damit kein Außenseiter. Im Gegenteil: hier wird er akzeptiert, wird in alle Aktivitäten mit einbezogen. Seine Mitschüler hänseln ihn nicht, sie kümmern sich um ihn. In einer Regelschule wäre das kaum denkbar. Denn Stevens Lernerfolge sind in den Augen eines Nicht-Behinderten scheinbar klein. Für den Dreizehnjährigen verändern sie jedoch die Welt. Wenn er seine Stulle alleine hält oder nach dem Trinkbecher greift, sind das für seine Eltern unbezahlbare Glücksmomente und für Steven ein weiteres Stück mehr Lebensqualität. "Über jedes Stück, dass er lernt, sind wir froh. Es sind wichtige Schritte für sein Leben", sagt sein Vater Uwe Holst. Dass Steven einmal eine reguläre Schule besucht, ist für seine Eltern unvorstellbar. "Wie soll das eine normale Schule leisten? ", fragt Uwe Holst. In Dobbertin aber wird die Familie auch über den Schulalltag hinaus unterstützt. Selbst in den Ferien werden die Kinder hier betreut. "Da können wir auch einmal durchatmen", sagt Birgit Holst. Sie weiß, in Dobbertin ist ihr Sohn gut aufgehoben, wird gefördert und gefordert.

Auch Martha besucht in Dobbertin die Schule. Dass sie eine Behinderung hat, ist der Zwölfjährigen nicht anzusehen. "Sie ist ganz nahe an der Normalität", erklärt ihre Mutter Julia Ginsbach. Martha ist Asperger-Autistin. "Aufgrund ihrer Störung kann sie Mimiken und Gestiken nicht richtig einschätzen", erklärt Julia Ginsbach. Deshalb kann sich das Mädchen nur schwer mit der Normalität arrangieren. In der Dobbertiner Schule wird ihr geholfen. "Hier lernt sie, sozial zu sein", sagt ihre Mutter. Mehr noch: Hier habe sie die Geborgenheit, ihre Intelligenz entwickeln zu können. Dieses Gefühl sei wichtig, denn "Angst ist der Gegner der Lernmotivation", sagt Ginsbach.

Dass ihre Kinder diese Entwicklungsmöglichkeiten in einer Regelschule hätten, daran zweifeln die Eltern. Dennoch sei ein Austausch mit diesen Schulen für beide Seiten - behindert oder nicht - wichtig. "Die Welten müssen sich berühren. Aber nicht hopplahopp", sagt Julia Ginsbach. "Das muss aber behutsam geschehen. Man kann das nicht einfach von heut auf morgen anordnen", ergänzt Direktorin Dagmar Stubbe. Bis zur Inklusion aber sei es noch ein weiter Weg. Schließlich seien die regulären Schulen allein schon räumlich gar nicht dafür ausgestattet. Ohnehin müsse Inklusion schon viel früher ansetzen. Solange behinderte und nicht behinderte Kinder im Kindergarten voneinander getrennt sind, mache eine spätere Inklusion wenig Sinn. "Die Kinder müssen miteinander aufwachsen", sagt Stubbe. So würden auch die Eltern ganz automatisch in die Sache hineinwachsen. Ihren Beitrag zur gegenseitigen Annäherung will die Dobbertiner Schule leisten. Sie strebt den Austausch mit anderen Bildungseinrichtungen an. Gemeinsame Projekte wie Theatergruppen oder Sportfeste könnten dazu beitragen, Vorurteile und Ängste auf beiden Seiten abzubauen, sagt Stubbe. Noch sei der Versuch, auf andere Schulen zuzugehen, zwar sehr einseitig, aber die Schulleiterin will nicht nachlassen. "Wir wollen uns öffnen. Jeder kann herkommen. Ich zeige meine Schule gern", sagt die Direktorin stolz. In der Öffentlichkeit werde die Schule Dobbertin oftmals noch immer mit negativen Assoziationen in Verbindung gebracht, bedauert die Schulleiterin. "Man sollte sich die Schule angucken, bevor man urteilt", sagt Stubbe. Gelegenheit dazu haben Eltern, Schüler und Lehrer am nächsten Wochenende. Am Sonnabend, 19 März, will sich die Schule anlässlich ihres 20-jährigen Bestehens mit einem Tag der offenen Tür präsentieren.

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