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Lokales

23. November 2017 | 10:40 Uhr

Die vergessene Katastrophe

vom

svz.de von
erstellt am 13.Aug.2012 | 06:51 Uhr

Königs Wusterhausen | Der 14. August 1972 ist ein Sommertag wie er im Buche steht. Die Sonne glitzert in Seen. Badestellen sind gut besucht. Viele Urlauber sitzen in der Ferienregion rund um Königs Wusterhausen (Dahme-Spreewald) noch an den Kaffeetafeln. Doch kurz vor 17 Uhr stört ein aufheulender Motor die Idylle über dem Dahmeland. Menschen schauen geschockt zum Himmel. "In rund 300 Metern Höhe spielte sich ein Drama ab", erinnert sich Uwe Wolff, der mit seiner Frau im eigenen Garten sitzt. Eine IL 62 der Interflug schlingert über Königs Wusterhausen. Das Flugzeug sowjetischen Fabrikats, das 40 Minuten zuvor von Schönefeld Richtung Burgas (Bulgarien) gestartet war, sackt immer mehr ab. Die mit 156 Menschen besetzte Maschine liegt nicht mehr ganz in der Horizontalen. "Die Triebwerke heulten noch einmal auf. Dann explodierte der Flieger und zerbrach in zwei Teile", so der damals 31-jährige Uwe Wolff. Seiner Schilderung nach schoss das Heckteil zunächst wie eine Rakete nach oben, ehe es, wie das Vorderteil zu Boden stürzte. Aus der Unglücksmaschine fliegen Handtaschen, Sonnenhüte und Menschen. Sekunden später stürzen die Wrackteile der IL 62 in eine Luchwiese am Nottekanal. Keiner der Bord-Insassen hat eine Überlebenschance. "Erst viel später kam heraus, dass Pilot Heinz Pfaff Unglaubliches leistete", sagt Heinz Mutschinski aus Zeuthen. Der Bahnhof Königs Wusterhausen sei zur Feierabendzeit "knüppeldicke voll" gewesen. "Nach einer Rekonstruktion der Ereignisse wissen wir heute, dass Pfaff den Flieger im letzten Moment von den Gleisen weg steuerte und so eine noch größere Katastrophe verhinderte", so Mutschinski. Der heute 87-Jährige arbeitete damals beim Rat des Kreises und gehörte der Kreis-Katastrophen-Kommission an. Der gebürtige Fürstenberger begrüßt, dass Königs Wusterhausen 40 Jahre nach dem Unglück erstmals seit langem ein offizielles Gedenken plant. "Das ist man den Opfern einfach schuldig", sagt der Rentner. Ähnlich sieht es Ursula Schlecht, Sprecherin der Stadtverwaltung: "Wir möchten an das tragische Unglück erinnern, aber auch an die Anteilnahme, die damals aus der Bevölkerung kam." Auf dem Friedhof Hoherlehme erinnere seit vier Jahrzehnten eine Gedenktafel an die 60 Unglücksopfer, die hier beerdigt wurden, so Schlecht.

Heinz Mutschinski erinnert indes an die dramatischen Ereignisse im August 1972: "Ich saß in einer Rats-Versammlung im Schloss-Saal. Das merkwürdige Brummen draußen hörte ich nur gedämpft und dachte mir erst nichts dabei.", Als der Vater von drei Kindern kurz darauf das Meeting verlässt, spielen sich schlimme Szenen ab. Erste Wrackteile sind zu sehen. Einwohner, die Richtung Nottekanal rennen, werden von Rettungsfahrzeugen überholt. Nur Stunden später arbeitet Heinz Mutschinski in leitender Funktion bei der Leichenbergung sowie bei der Organisation des Staatstraueraktes.

Einer der ersten am Unglücksort ist Rudi Hohnke, damals Chef der Feuerwehr Niederlehme. Seinen Worten nach sind viele Opfer vom Feuer "verkohlt". "Andere wirkten, als schliefen sie nur", blickt Bergungsleiter Hohnke zurück. Die Suche nach Überlebenden erweist sich als aussichtslos. "Auf die Leiber musste das Kürzel EX für Exitus aufgeklebt werden", seufzt der heute 73Jährige mit bewegter Stimme. Einige Sanitäter arbeiten unter Alkohol, um die Leichen bergen zu können. "Es waren die furchtbarsten Szenen meines Lebens", so Rudi Hohnke im Rückblick. Uwe Wolff erinnert sich: "Ich war zu geschockt, um zu weinen." Heinz Mutschinski erhält den Auftrag, binnen weniger Tage den Friedhof Hoherlehme für einen Staatstrauerakt vorzubereiten. Laut seiner Schilderung werden eilig neue Wege angelegt und eine Asphaltstraße gebaut. Zu Paul Verner, Mitglied des SED-Zentralkomitees, kann der Zeuthener jederzeit per Standleitung Kontakt aufnehmen. Zum Trauerakt sollen Erich Honecker, Walter Ulbricht und Werner Lamberz erscheinen. Von Versorgungsengpässen war plötzlich keine Spur. Die Verantwortlichen um Mutschinski ordern mal eben 1000 Klappstühle, 1000 schwarze Sitzkissen und 600 Schirme, falls es regnet. "Ich habe in dieser Zeit nur funktioniert. Meine Familie sah ich tagelang nicht", sagt der rüstige Rentner. Dann erklärt der Zeuthener noch, er habe in der LPG dafür sorgte, dass die Schweine im Stall am Waldfriedhof während der Trauerzeremonie nicht grunzen. Wie dies bewerkstelligt wurde, will Heinz Mutschinski nicht sagen. Nach Informationen von Wildauern war Alkohol im Spiel.

Der Staatstrauerakt sei gut über die Bühne gegangen, erinnert sich der studierte Finanzökonom. "Die Soldaten trugen weiße Koppel und weiße Handschuhe. War alles sehr pietätvoll", so der Märker. "Schlimm waren die Aufschreie der Angehörigen, als Schauspieler Otto Mellies die Namen der Opfer einzeln vorlas." Als Heinz Mutschinski das sagt, kommen ihm selbst die Tränen. Nah am Wasser sei er eigentlich nicht gebaut. "Aber das war damals einfach zu viel."

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