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Lokales

26. September 2017 | 07:24 Uhr

Die tragische Flucht eines Zerrütteten

vom

svz.de von
erstellt am 17.Okt.2010 | 08:37 Uhr

Rostock | Der schwarzgoldene Vorhang hebt sich und gibt mit der einsetzenden Musik den Blick auf die Szene frei. Ins Auge fällt ein riesiger, nach vorn geneigter Spiegel, der die höfische Festgesellschaft auf dem sattrot ausgeschlagenen Bühnenboden in einer zweiten Perspektive erscheinen lässt. Dieser Spiegel bleibt bis zum letzten Takt und bis zur letzten Verzweiflungsgeste des Rigoletto eine zweite Ebene, mit der das Bühnengeschehen visualisiert wird.

Verdis Oper (1851) bedient sich eines Schauspiels Victor Hugos über einen König als Frauenheld, das nur eine Aufführung erlebte. Die damalige Zensur hatte umgehend ein Verbot durchgesetzt. Verdi als Meister der musikalischen Großgeste verwandelte dieses skandalöse Sujet zwanzig Jahre später in eine Oper, deren Musik treffsicher das äußere Drama der Figuren hoch emotional und effektvoll spiegelt. Dem Gesang in der Tradition des Belcanto und der Theatralität der großen Stoffe galt die Vorliebe des Komponisten. Dieses offene Geheimnis hat Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland eine bis heute andauernde Verdi-Tradition gestiftet.

In dieser Tradition stehend, kann der Rostocker "Rigoletto" eine musikalisch gelungene Opernaufführung genannt werden. Sowohl die Solisten als auch der Opernchor haben eine im Verlauf des Abends noch zunehmende beachtliche sängerische Leistung dargeboten. Besonders starken Applaus erhielten die Sänger zweier weniger umfangreicher Partien. Vagarsh Martirosyan als Graf von Monterone, der den Fluch gegen den Herzog und Rigoletto ausspricht sowie Mikko Järviluoto als gedungener Mörder Sparafucile, der Rigolettos über alles geliebte Tochter Gilda ersticht, begeisterten das Publikum mit ihrer stimmlichen Präsenz. Die großen Partien des Rigoletto, der Gilda sowie des Herzogs von Mantua gestalteten sich für die Solisten des Abends Olaf Lemme, Jamila Raimbekova und Garrie Davislim als sängerische Herausforderung, die sie stimmlich sehr gut bewältigten und die das Publikum sehr berührten. Es gab mehrfach Applaus auf offener Szene. Das Orchester unter Leitung von Generalmusikdirektor Niklas Willén produzierte trotz der hinreichend oft bedauerten Akustik des Großen Hauses eine Opernmusik, deren musikalische Gesamtdynamik zwischen den zart lyrisch untermalten Gesangsarien und den dramatischen Vollklängen sehr gut ausbalanciert war. Das Bühnengeschehen blieb allerdings in seiner Figuren-Dramatik hinter der musikalischen Dramatik zurück. Zu sehen waren konventionelle Tableaus, in denen der Opernchor die moralisch verkommene Hofgesellschaft gestisch-spielerisch nur andeuten konnte.

Opulente Kostüme aus der Zeit der Musketiere

Die prächtigen in Gold-Braun gehaltenen Kostüme mit Stulpenstiefeln, Halskrausen und samtenen Pluderhosen aus dem 17. Jahrhundert der Musketiere sorgten zweifellos für eine optisch attraktive Opulenz, konnten aber den Eindruck der insgesamt zu unbeweglich wirkenden Arrangements nicht mindern. Die Chance, mittels des Spiegels eine zweite Sinnebene zu inszenieren, wurde nicht ergriffen. Die von Verdi musikalisch detailreich gestalteten dramatischen Beziehungen zwischen den einzelnen Figuren, deren Skrupellosigkeit, Ringen und Scheitern, deren Leiden und Zärtlichkeit zeigten sich sowohl in der Körpersprache der Solisten als auch in den dramatischen Schlüsselszenen nur sehr zaghaft. Den Figuren, auch dem innerlich zerrütteten Rigoletto, hätte eine stärkere Individualisierung im Sinne einer psychologisch motivierten Bewegtheit und Beweglichkeit gut getan. Eine aktuellere Lesart des Librettos in Gestalt eines Kunstraumes jenseits des 17. Jahrhunderts hätte das Publikum vermutlich auch interessiert aufgenommen. Das Premierenpublikum im nahezu ausverkauften Großen Haus applaudierte allen Künstlern sehr herzlich.

Die nächsten Termine: Donnerstag, 21. Oktober (15 Uhr), Donnerstag, 28. Oktober (19.30 Uhr), Freitag, 19. November (19.30 Uhr)


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