Die stummen Patienten

Organ-Proben werden entnommen und mindestens zwei Jahre aufbewahrt.
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Organ-Proben werden entnommen und mindestens zwei Jahre aufbewahrt.

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23. Februar 2010, 09:33 Uhr

Rostock | Seine Patienten geben ihm Rätsel auf. Wenn Professor Andreas Büttner eine Untersuchung beginnt, muss er sich auf sein Gespür und die Erfahrung verlassen. Die Menschen vor ihm können nur stumme Hinweise geben. Sie sind tot. Und auf ihren Körpern hat der Tod Spuren hinterlassen. Büttner ist Rechtsmediziner. Er klärt Todesfälle - Morde, aber auch Suizide, schwere Unfälle oder andere ungeklärte Todesursachen. Anhand der Zeichen, die er auf den Leichen und in den Organen findet, setzt er nach und nach ein Bild zusammen, das die letzten Momente des Lebens der Opfer darstellt. Puzzlearbeit ist das manchmal. Mitunter verbringt Büttner mehrere Stunden im Sektionssaal, um das Rätsel zu lösen.

Doch die Arbeit des Rechtsmediziners beginnt schon viel früher. Wenn die Polizei einen Todesfall zu klären hat, werden Büttner oder einer seiner Kollegen dazugeholt. Der Ereignisort ist die erste Quelle für Anhaltspunkte. Wird ein Mensch leblos gefunden, dann gilt es, zunächst einer Frage nachzugehen: Passt die Situation, in der der Tote gefunden wurde, zu den Veränderungen an seinem Körper? "Die Staatsanwaltschaft muss jeden unnatürlichen oder nicht geklärten Tod untersuchen, um ein Verbrechen ausschließen zu können", sagt Büttner.

Der klassische Fall: Jemand wird tot in seiner Wohnung gefunden. Woran ist die Person gestorben? War es ein natürlicher Tod, Selbstmord oder gar Tötung? Gibt es zum Beispiel einen Abschiedsbrief? Oder sind körperliche oder psychische Erkrankungen bekannt? "Wenn der Ereignisort und die Zeichen an der Leiche nicht zusammenpassen, wird man wachsam." Die Totenflecken geben erste Hinweise. Diese blauvioletten Verfärbungen entstehen durch das schwerkraftbedingte Absinken des Blutes in den Gefäßen nach dem Kreislaufstillstand. An Stellen, wo Druck auf die Haut ausgeübt wird, gibt es keine Flecken, zum Beispiel wenn jemand in Rückenlage stirbt. Beim Tod durch Erhängen treten Totenflecken an den Beinen auf.

Sollte der Mediziner oder die Polizei so genannte Situationsfehler erkennen, erwirkt die Staatsanwaltschaft einen richterlichen Beschluss zur Sektion der Leiche. Die Angehörigen haben keinen Einfluss auf die Entscheidung. Das Rechtsinteresse wiegt mehr. "Bei Suiziden sind Angehörige oft gegen eine Sektion. Sie wollen den Selbstmord nicht wahrhaben und suchen nach alternativen Gründen wie Gift oder Ähnlichem", berichtet Büttner. Auch wenn Kinder sterben, werde nicht immer eine Sektion vorgenommen: "Obwohl ich finde, dass das Pflicht sein sollte. Allein um eine Misshandlung auszuschließen." Die eigentliche Leichenschau findet im gemeinsamen Sektionssaal der Institute für Rechtsmedizin und Pathologie der Universitätsklinik statt. Für den Ablauf gibt es klare Vorschriften durch die Strafprozessordnung. Zwei Ärzte müssen anwesend sein, davon einer Facharzt, ein Präparator sowie ein Vertreter der Polizei oder der Staatsanwaltschaft. Eine einfache Sektion dauert etwa eine Stunde, bei schwierigeren Fällen wie einer Tötung oder einem schweren Verkehrsunfall können mehrere Stunden vergehen, bis ein abschließender Bericht feststeht. Dazu müssen zwingend alle drei Körperhöhlen geöffnet werden - also Schädel-, Brust- und Bauchhöhle. "Selbst dann, wenn der Tod offensichtlich durch einen Kopfschuss erfolgt ist", sagt Büttner. Ansonsten werden lediglich Haare, Körperflüssigkeiten, Organproben und Mageninhalt für zwei Jahre konserviert. "Weil man zum Zeitpunkt der Sektion vielleicht noch nicht alles weiß. Die Polizei ermittelt ja noch."

Alle Organe werden untersucht. Bei einem Selbstmord durch Medikamente beispielsweise bleiben im Magen mitunter Tablettenreste oder ganze Kapseln zurück. Auch das Skelettsystem wird auf Brüche hin kontrolliert. Ist die innere Leichenschau beendet, kommen die Organe zurück in den Körper, der dann vernäht wird. Sobald die Staatsanwaltschaft die Leiche freigibt, kann der Tote bestattet werden.

Büttner ist seit März Direktor des Instituts für Rechtsmedizin an der Universität Rostock. Zuvor war der 48-Jährige in München tätig. Die Faszination für den Tod entstand während seines Zivildienstes. Den absolvierte er bei einem Leichenabholdienst in der Pathologie. "Weil ich danach nicht gleich einen Studienplatz bekam, habe ich eine Ausbildung zum Sektionsassistenten gemacht." An der Uni München studierte Büttner dann zunächst Medizin und ging nach einer Weiterbildung in Neuropathologie und -chirurgie sowie Rechtsmedizin mit Spezialisierung auf forensische Neuropathologie. "Früher wurde man schnell abgestempelt", erzählt Büttner. Heute sei das anders. Tabus und Vorurteile gebe es kaum noch. Einen Beitrag dazu haben unter anderem populäre TV-Sendungen geleistet: "Die haben bei vielen das Interesse und die Faszination geweckt." Sogar Frauen ergreifen heute den Beruf des Rechtsmediziners. "Wir haben gerade eine Assistenzärztin am Institut dazubekommen. Das war früher undenkbar."

Büttner und seine Kollegen untersuchen alle Fälle im Bereich der Landesgerichte Rostock und Schwerin. 2009 lagen 164 Leichen auf dem Sektionstisch der Rostocker Rechtsmedizin, in Schwerin, wo eine Außenstelle des Instituts besteht, waren es 116. Natürlich sind es nicht nur Tote, die Büttner untersucht. Auch die klinische Rechtsmedizin gehört zu seinem Aufgabengebiet, das heißt die Untersuchung von Opfern nach Gewaltdelikten. Fortbildung innerhalb der Ärzteschaft übernimmt Büttner ebenfalls - gerade in Bezug auf Kindsmisshandlung. Als Gutachter trägt er vor Gericht zur Wahrheitsfindung bei. Darüber hinaus lehrt er Polizisten, Drogenmissbrauch im Straßenverkehr zu erkennen. "Besonders diese Vielfältigkeit gefällt mir an meinem Beruf. Ich komme oft raus, unter Leute. Langweilig wird es eigentlich nie."

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