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Lokales

20. August 2017 | 09:49 Uhr

Die Solaranlage muss weg!

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Die Solaranlage auf dem Pfarrhaus war ein Symbol gegen das drohende Abbaggern des Dorfes für die Braunkohle

Das Ganze hört sich wie eine Posse aus der Brandenburger Provinz an: Gemeindemitglieder einer Dorfkirche beschlossen vor Jahren, ein Zeichen gegen das drohende Abbaggern ihres Ortes für die Braunkohle zu setzen und montieren ohne Genehmigung eine Solaranlage auf dem Pfarrhausdach. Das ist dem Landkreis ein Dorn im Auge, weil das Erscheinungsbild des denkmalgeschützten Kirchenensembles gestört sei. Die Behörde fordert: Die Solaranlage muss weg! Kurz vor Auslaufen der Abbau-Frist ging das zähe Hick-Hack gestern Morgen zu Ende.

Ein kleiner Dachaufzug fährt nach oben. Bewohner von Atterwasch (Spree-Neiße) und Kirchenmitglieder bauen die ersten Teile der Solaranlage vom Dach ab. Sie reden nicht viel. In ihren Gesichtern kann man aber Enttäuschung sehen. „Wir fühlen uns moralisch im Recht“, sagt der Vorsitzende des evangelischen Gemeindekirchenrats der Region Guben, Martin Pehle. „Es ging uns darum, die Politik vorzuführen.“ Im Hintergrund kräht ein Hahn. Das Dorf mit mehr als 200 Bewohnern in der Grenzregion zu Polen wirkt noch verschlafen, aber spricht man Bürger auf den Streit mit dem Landkreis an, fallen Worte wie „der größte Schwachsinn“, „widersinnig“, „verbohrt und engstirnig“.

Ein Mann, der hier seit Jahrzehnten lebt, sagt: „Man hätte diesen Bescheid aussetzen können. Der Ermessungsspielraum wurde von der Behörde außer Acht gelassen.“ Im Dorf schüttle jeder mit dem Kopf.

Der Landkreis Spree-Neiße betonte bis zuletzt, dass er zur Entscheidung und Anordnung, dass die Photovoltaikanlage verschwinden muss, stehe. Vor vier Jahren hatte die Behörde den Erlaubnisantrag abgelehnt mit dem Grund, dass das Erscheinungsbild des denkmalgeschützten Ensembles gestört würde.

Pehle bringt das auf die Palme. „Gegen das Abbaggern sagt vom Landkreis niemand was und dann ist das ganze Denkmal verschwunden“, sagt der 43-Jährige. Dass es Ärger geben würde, als die Solaranlage ohne Genehmigung im Herbst 2013 auf das Dach kam, sei ihm klar gewesen. Aber mit so starkem Widerstand von Behördenseite habe er nicht gerechnet, ergänzt der Tierarzt. Die Kirchengemeinde gewann im Vorjahr sogar einen Umweltpreis für ihr Solarprojekt.

Dass sich das Dorf in Südbrandenburg gegen das drohende Abbaggern für die Braunkohle stemmt, ist offensichtlich. An einigen Stellen sind Plakate und Schilder mit Aufschriften wie „Wir sind kein Abraum“ zu sehen. Die Einwohner und die zweier Nachbardörfer müssten in einigen Jahren umsiedeln, wenn Erweiterungspläne des benachbarten Tagebaus vom Land genehmigt werden. Die Entscheidung steht noch aus.

In der Lausitz liegt das zweitgrößte deutsche Braunkohlerevier mit Tagebauen in Brandenburg und Sachsen. Nur das Revier in Nordrhein-Westfalen ist noch größer.

Für die Kirchengemeinde bleibt ein kleiner Trost. Ganz wird die Solaranlage nicht aus Atterwasch verschwinden. Voraussichtlich am Wochenende soll sie auf Rinderställe in der Nähe der Kirche montiert werden, wie Pehle sagt. Dieses Mal mit Genehmigung.  

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