Die Nazis kamen im Morgengrauen

Kurz vor ihrer Flucht ins chilenische Exil: Ludwig Kychenthal mit seiner Frau Annemarie und Sohn Hans im Sommer 1939.Repro: Matthias Baerens
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Kurz vor ihrer Flucht ins chilenische Exil: Ludwig Kychenthal mit seiner Frau Annemarie und Sohn Hans im Sommer 1939.Repro: Matthias Baerens

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10. November 2009, 06:28 Uhr

Schwerin | Der 10. November 1938 graut nasskalt in Schwerin. Scheibenklirren und Rufe reißen die jüdische Kaufmannsfamilie Kychenthal in ihrem Geschäfts- und Wohnhaus am Markt aus dem Schlaf. Ludwig Kychenthal erinnerte sich als 70-Jähriger im chilenischen Exil: "Unten auf der Straße marschierte ein Trupp SS-Soldaten vorbei und versuchte, die schweren eisernen Gitter der vier Schau- und Seitenfenster am Markt mit übermenschlicher Gewalt zu zerstören. Dann waren sie plötzlich in der oberen Etage und schlugen auf Möbel und die mit wertvollen, mühsam gesammelten Kunstwerken gefüllte, halbrunde Glasvitrine ein."

In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 begannen in ganz Deutschland von den Nationalsozialisten organisierte Plünderungen, Überfälle und Brandstiftungen gegen jüdische Mitbürger und Einrichtungen. Heute, 71 Jahre nach der "Reichskristallnacht", findet von 18 Uhr an eine Gedenkveranstaltung auf dem Schlachtermarkt statt. Der Arbeitskreis "9. November 1938", eine private Initiative, lädt die Schweriner ein, sich gemeinsam der Opfer der Judenverfolgung im Dritten Reich zu erinnern. "Wir wollen die Millionen jüdischer Menschen ehren, die nach der Po gromnacht ermordet wurden", sagt Mitorganisatorin Renate Voss. Dazu werde unweit der neu entstandenen Schweriner Synagoge ein Davidstern auf die Erde gelegt, in den die Teilnehmer mitgebrachte Kerzen stellen wollen.

Die Erinnerung wach zu halten, sei auch mit Blick auf die Zukunft wichtig: "Wir müssen gerade jungen Menschen, die oft kein Verhältnis mehr zu den Gräueltaten haben, immer wieder erzählen, was damals geschah", sagt Renate Voss. Schließlich fänden die heutigen Rechten mit ihren menschenverachtenden Parolen gerade bei Jugendlichen in Mecklenburg-Vorpommern vermehrt Gehör.

An der mittlerweile zehnten Gedenkveranstaltung auf dem Schlachtermarkt nimmt auch Landesrabbiner William Wolff teil. Er wird das Kaddisch sprechen, das jüdische Gebet zum Totengedenken. Vor Schülern des Fridericianums, auf deren Initiative mittlerweile viele kleine Messingplatten des Kölner Künstlers Gunter Demnig vor Wohnhäusern an einst dort lebende Schweriner Juden erinnern, hat Wolff den Sinn der Rückbesinnung einmal so formuliert: "Wenn wir den Opfern der Verfolgung des letzten Jahrhunderts noch irgendeine Ehre erweisen möchten, dann kann die Ehre nur von uns, von unserem Erinnern kommen. Wir können und dürfen ihr Leiden nicht vergessen. Das können wir ihnen nicht noch im Nachhinein antun."

Nur sechs Schweriner Juden

vom Antisemitismus verschont Nach den November-Exzessen 1938 kam es zu einer zweiten, großen Ausreisewelle. 43 der bis dahin noch verbliebenen 71 Schweriner Juden flohen vor dem nationalsozialistischen Terror ins Ausland. Edgar Dahl geht in seiner Studie "Schwerin unterm Hakenkreuz" davon aus, dass 29 jüdische Schweriner im Holocaust umgekommen sind. Lediglich sechs blieben laut seinen Forschungen vom Antisemitismus des Dritten Reiches verschont. Unter ihnen auch Friederike Glüsing, die noch bis 1988 in Schwerin gelebt habe.

Die Reaktion der Schweriner Bevölkerung auf das Pogrom war unterschiedlich. Während der Sohn des Schneidermeisters Josef Zoltobrodsky den Ausruf "Hurra! Jetzt schlägt man dem Juden alles kurz und klein!" gehört haben will, berichtete der Sohn des Kaufmanns Louis Kychenthal: "Die Passanten, die sich auf dem Markt und der Schusterstraße versammelt hatten, weinten und standen verständnislos da. Mitleid allerseits."

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