Die Leere in der Lehre

Auszubildender Phillip Schreib schiebt im Kühllager Schweinehälften in die richtige Position. Lars Reinhold
Auszubildender Phillip Schreib schiebt im Kühllager Schweinehälften in die richtige Position. Lars Reinhold

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13. April 2010, 12:18 Uhr

Perleberg | Vor einer Grundsatzentscheidung steht der Schlachtbetrieb Vion in Quitzow: Weiterhin Lehrlinge ausbilden oder den Ausbildungsbereich schließen? Es liege nicht am fehlenden Willen des Unternehmens, so Standortleiter Klaus Voigt, sondern schlichtweg an der gesunkenen Bewerberzahl und an dem teils katastrophalen Bildungsniveau der jungen Leute.

Fleischer, Mechatroniker, Lageristen, Bürokaufleute bildet das Perleberger Erfolgsunternehmen seit Jahren kontinuierlich aus. Von den knapp 15 angebotenen Lehrstellen für das kommende Ausbildungsjahr sei erst eine einzige vergeben. Die Zeit läuft rückwärts. Für die sieben Plätze in der Fleischerausbildung sind bei Karl-Christian Raddatz gerade mal sieben Bewerbungen eingegangen. "Negativrekord", sagt der seit mehr als zehn Jahren zuständige Ausbildungsleiter. Drei Kandidaten hat er zu weiteren Gesprächen eingeladen, darunter einen 16-Jährigen aus Berlin, der lediglich einen Grundschulabschluss vorweisen könne.

Seit drei Jahren spitze sich die Situation zu. Vorbei seien die Zeiten, in denen Raddatz bis zu 27 Lehrlinge aus der unmittelbaren Umgebung und mit durchschnittlichen Noten auf dem Zeugnis der 10. Klasse betreute. "Teilweise kommen heute Bewerbungen aus Rostock und Dresden", sagt er. Zu weit entfernt, als das er sie ernsthaft in Betracht ziehen könne. Warb er früher lediglich auf der Berufsstartermesse des "Prignitzers", besucht er mittlerweile Messen in Wittstock und Kyritz, erwägt eine Teilnahme an der großen Ausbildungsmesse unseres Zeitungshauses in Schwerin.

Die Qualifikation der Bewerber sei so niedrig wie nie zuvor. "Fünf Kilo", lautete die Antwort eines jungen Mannes auf die Frage nach dem Gewicht eines lebenden Schlachtschweins, nennt Raddatz ein Beispiel aus den jüngst stattgefundenen Gesprächen. Hilflos würden Bewerber bei einfachsten Rechenaufgaben versagen. Bei der Berechnung der Tragfähigkeit einer Palette müssen sie beispielsweise 36 mit zwei multiplizieren. "In den seltensten Fällen kommt dabei 72 heraus", sagt Raddatz. Schweißgebadet würden sie vor ihm sitzen und um die richtige Antwort ringen. Andere schaffen es nicht einmal zum Bewerbungsgespräch zu erscheinen: "Sie verwechseln auf der Einladung Datum und Uhrzeit."

Sicher seien Ausbildung und die Arbeit als Fleischer im Schlachtbetrieb körperlich schwer, räumt Klaus Voigt ein. Andererseits erhalten erfolgreiche Absolventen fast ausnahmslos eine Jobgarantie in seinem Betrieb. "Sechs bis acht Lehrlinge haben wir pro Jahr übernommen, bis vor sechs Jahren arbeiteten wir in allen Bereichen ausschließlich mit eigenen Mitarbeitern", betont er. Inzwischen sind für mehrere Bereiche Fremdfirmen zuständig. "Stellen wir die Ausbildung ein, wird ihr Anteil weiter wachsen, wir würden vor Ort sichere Arbeitsplätze in der Prignitz verschenken, obwohl die Zahl unserer Beschäftigten weiter steigen wird", blickt der Standortleiter voraus.

Noch eine weitreichende Konsequenz nennt er für diesen Fall. Die zuständige Berufsschule befindet sich am Oberstufenzentrum Neuruppin. Ihre Mindestklassenstärke beträgt 16 Schüler, die Hälfte kam bisher aus Quitzow. "Bleiben unsere Lehrlinge weg, droht eine Schließung der Klasse, nächster Standort wäre das noch weiter entfernt liegende Zehdenick.

Voigt und Raddatz unterstreichen, dass sie gerne auch Lehrlinge mit einem höheren Schulabschluss einstellen würden. In den kommenden Jahren seien am hiesigen Standort mehrere Leitungspositionen zu besetzen. Hinzu kommen die vielfältigen Möglichkeiten innerhalb der Vion Food Hamburg AG. Drei Prignitzer Abiturienten haben bereits ihre Ausbildung abgeschlossen. Markus Leu aus Berge ist einer von ihnen.

"Ich habe es keinesfalls bereut", sagt der 23-Jährige. In der elften Klasse begann er mit einem Ferienjob bei Vion, lernte über drei Jahre hinweg den Betrieb kennen, die Entscheidung zur Ausbildung sei ihm leicht gefallen, auch wenn manche Mitschüler schmunzelten. Ein Abiturient als Fleischer am Fließband sei halt ungewöhnlich. Doch das schreckte Markus Leu nicht ab, "ich sah für mich die Perspektiven in diesem großen Unternehmen".

Heute absolviert der Fleischer-Facharbeiter ein duales Studium zum Diplombetriebswirt. Eine Qualifikation zum Industriekaufmann soll sich anschließen. Um seine berufliche Zukunft in der Prignitz mache er sich jedenfalls keine Sorgen. Allenfalls um seine Aufgaben als Jugendauszubildenden-Vertreter. Über Mundpropaganda und fetzige Flyer will er die Werbetrommel rühren. Sein Chef Klaus Voigt würzt dies mit den Hinweis, "wir zahlen Manteltarif West und Leistungsprämien".

Dass der Bewerbermangel nicht nur an den schweren Arbeitsbedingungen in der Schlachtabteilung liegen kann, beweisen die Erfahrungen von Sylvia Pittack, Leiterin Buchhaltung. Zwar hat sie vor wenigen Tagen die einzige Lehrstelle zur Bürokauffrau vergeben, aber auch dies nur unter Schwierigkeiten. "Seit 1993 verantwortet sie diesen Ausbildungsbereich. "Rund 100 Bewerbungen pro Jahr waren keine Seltenheit, heute sind es 20, mit Glück 25." Der Notendurchschnitt entwickele sich klar negativ. "Vor allem in Mathe und Deutsch haben Bewerber Schwierigkeiten, aber gerade diese Fächer sind wichtig", meint Sylvia Pittack. Noch ein Phänomen nehme zu: "Manchmal springen Lehrlinge nach der Vertragsunterzeichnung wenige Tage vor Ausbildungsbeginn ab. Das kannten wir früher gar nicht."

Für Klaus Voigt steht fest, dass er eine Entscheidung wird treffen müssen. "Ich bin bereit, mir die Ergebnisse in diesem und auch noch für das 2011 beginnende Lehrjahr anzuschauen, aber danach muss ich entscheiden, wie es mit der Ausbildung in unseren Betrieb weiter gehen soll."

Ob Ausbildung oder nicht, sei für den Standort mit seinen derzeit 450 Beschäftigten, darunter 265 direkte Vion-Mitarbeiter, keine existenzielle Frage. "Wir werden weiter wachsen, planen neue Investitionen", kündigt Voigt an. Schon heute sei Quitzow der zweitgrößte Schweineschlachtbetrieb in den neuen Bundesländern, liege bundesweit unter den Top Ten. Doch es gehe nicht um die Existenz. Es gehe um die Region, um berufliche Perspektiven vor der Haustür. Voigt sei bereit, die Ausbildung einzustellen, es wäre die Ultima Ratio.

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