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Museum für Jagdgeschichte geplant : Die Jagd dem Volke, die Hirsche fürs Politbüro

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Am Abend des 25. September 1987 ließ sich Honecker in sein geliebtes Jagdrevier bei Loppin bei Waren/Müritz fahren. Dort brachte er wenige Stunden später einen Prachthirsch zur Strecke...

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erstellt am 03.Jun.2011 | 07:25 Uhr

Parchim | Der 25. September 1987 schrieb in Ost- und Westdeutschland Geschichte. In Kiel hat der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Uwe-Barschel (CDU) seinen Rücktritt erklärt. Für Parteichef Erich Honecker (SED) sollte der 25. September 1987 noch eine weitere Überraschung bereit halten.

An einem Tag fünf Hirsche erlegt

Am Abend ließ sich Honecker in sein geliebtes Jagdrevier bei Loppin am Drewitzer See bei Waren/Müritz fahren. In seinem streng abgeschirmten Jagdsitz brachte er wenige Stunden später einen Prachthirsch zur Strecke. Honecker soll sich über den ungeraden 20-Ender gefreut haben wie ein Kind. Insider gaben später zu Protokoll, dass Honecker der Jagd als sein einziges Hobby mit "fast pathologischer Hingabe" frönte. Im Jahr hat der mächtigste Mann der DDR an die hundert Hirsche und Dutzende Rehe und Hasen erlegt. In den 80-er Jahren hat er an nur einem Abend gleich fünf Hirsche geschossen. Honecker soll es während seiner Amtszeit auf rund 500 selbst erlegte Hirsche gebracht haben. Am 8. November 1989, einen Tag vor dem Mauerfall, ist Honecker zum letzten Mal zur Jagd gegangen.

"Ich hätte es mir nie träumen lassen, dass die Trophäe von Honeckers Prachthirsch einmal unter meiner Bodentreppe hängen würde", sagt Frank Kietzmann, der in einem kleinen Dorf nahe Parchim zu Hause ist. Die Jagd-Trophäe, für die es später ganz offiziell 206,65 Punkte und eine Silbermedaille gab, teilt sich den knappen Platz im Anbau des Wohnhauses der Familie Kietzmann mit Dingen, die den Politgrößen der DDR heilig waren: Ein Geweih und ein Keilerkopf aus dem Besitz von DDR-Gewerkschaftsboss Harry Tisch, eine gehörnte Ricke aus dem Büro von Planungschef Gerhard Schürer, die komplette Bierhumpensammlung von Stasichef Erich Mielke, ein Jagddolch des Ministerratsvorsitzenden Willy Stoph und der gesamte Nachlass des jagdbegeisterten DDR-Landwirtschaftsministers Bruno Lietz.

"Zwanzig Jahre nach der Wende wird es Zeit, dass mehr Licht ins Dunkel der Jagd in der DDR gebracht wird", meint Frank Kietzmann. Zusammen mit sieben weiteren Mitstreitern hat er den Jagdkulturverein Weidmannsheil aus der Taufe gehoben. Sie haben sich auf die Fahnen geschrieben, das öffentliche und geheime Jagdwesen der DDR umfassend zu erforschen. Dafür soll nahe Parchim ein Informationszentrum als überregionales Netzwerk entstehen. "Das DDR-Jagdwesen ist facettenreich. Die Geschichte der Staatsjagdgebiete, die mit rund 700 000 Hektar etwa acht Prozent der Jagdfläche ausmachten, ist dabei nur ein Teil", so der Vereinsvorsitzende Frank Kietzmann. Zwei Frauen und sechs Männer - darunter Jäger, Naturfreunde und Historiker - sind zum Teil seit Jahren auf der Suche nach Originaldokumenten, Jagdutensilien, Trophäen und vor allem auch nach Informationen aus erster Hand.

Jagdschein mit politischen Auflagen

"Die Zeit läuft uns davon. Viele Zeitzeugen sind bereits verstorben. Und längst nicht jeder, der Verantwortung für die Jagd in der DDR trug, will sich erinnern oder erklären", weiß Kietzmann. Klar ist längst, dass sich im Laufe der Zeit immer größere Differenzen zwischen Jagdmöglichkeiten, dem Waffenzugang und den Jagdbedingungen der normalen Jäger und einer privilegierten Personengruppe entwickelt hätten.

Kietzmann ist selbst mit Leib und Seele Jäger, hat den Vater schon mit fünf Jahren auf der Jagd begleitet und als junger Forstmann bis 1989 in der Staatlichen Jagdwirtschaft der DDR in Lindow im Kreis Neurupin gearbeitet. "Die Jagd gehört dem Volke, war die offizielle Version", so der 47-Jährige. "Zur ganzen Wahrheit gehört auch der Zusatz, ... die Hirsche fürs Politbüro". Kietzmann und seine Vereinsmitglieder haben dafür zahlreiche Belege gesammelt. Bei seinen Recherchen ist vor allem eins deutlich geworden, wer in der DDR auf Jagd gehen wollte, musste seine "persönliche politische Eignung" unter Beweis stellen. Kontrolliert hat dies die Volkspolizei und mitunter auch die Stasi. "Zeitsoldaten, die ,abgekohlt und nach nur drei Jahren aus der Volksarmee ausgeschieden sind, haben damit beispielsweise auch ihre Jagdberechtigung verloren", gibt Kietzmann zu bedenken.

"Wir wollen ein objektives Bild der Jagd im Osten Deutschlands von 1945 bis 1989 zeichnen. Da zählt jedes Detail", so der Vereinsvorsitzende zum Anspruch seiner Forschungsarbeit. Deshalb habe er sogar mit dem letzten SED-Chef Egon Krenz, der jetzt in Dierhagen auf dem Daarß lebt, Kontakt aufgenommen. "Krenz war zwar kein Jäger, aber häufig bei Honeckers Staatsjagd dabei. Sein Insider-Wissen ist aufschlussreich", glaubt Kietzmann. Auch der von der Witwe des früheren DDR-Landwirtschaftsministers Bruno Lietz übergebene Nachlass vermittelt ein umfassendes Bild eines DDR-Funktionärs, der weitgehend geheime Jagd-Privilegien genoss.

Im riesigen Fundus des Jagdkulturvereins gibt es inzwischen rund 1500 Exponate und mehr als 2500 Akten.

Pläne für Jagdmuseum schon geschmiedet

Bislang gab es nur einzelne Ausstellungen über die Jagd in der DDR - so wurde im Vorjahr im Jagdschlosses Schönebeck der zweite Teil der Exposition "Jagd und Macht" eröffnet. Der Jagdkulturverein will nun möglichst bald in der Nähe von Parchim ein Museum eröffnen. Ein entsprechendes Gebäude sei bereits gefunden. "Hier wird es ausreichend Fläche für die vielen Exponate geben und auch ein Lehrpfad soll entstehen. "Die Trophäe von Honeckers Pracht-Hirsch muss sich den Platz mit anderen Jagd-Exponaten aus DDR-Zeiten teilen", sagt Kietzmann.

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