"Die Folgen des Skandals tragen wir"

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14. Februar 2011, 06:14 Uhr

Prignitz | Bundeslandwirtschafts- und Verbraucherministerin Ilse Aigner hat schärfere Kontrollen der Futtermittel industrie angekündigt. Für viele Landwirte in der Prignitz kommt das zu spät. Denn der Skandal um zu hohe Dioxinwerte in Futtermitteln hat längst wirtschaftliche Folgen, der Preis für ein Kilogramm Schweinefleisch sank kurz danach von 1,35 auf 1,12 Euro. "Das mag für den Außenstehenden zunächst nicht viel Geld sein, wenn es aber um hunderte oder tausende von Kilo geht, werden daraus schnell tausende von Euro", rechnet Sandra Perabo, Vorsitzende der Tierzuchtgenossenschaft Gulow, vor.

Wie sie trifft es viele landwirtschaftliche Betriebe, "und das völlig unverschuldet", macht Uwe Kessler, Vorsitzender der Agrargenossenschaft Pirow geltend. Gemeinsam mit dem Schweineherdbuchzuchtbetrieb von Bernd Cord-Kruse sowie der Gulower Tierzuchtgenossenschaft stellt sein Landwirtschaftsbetrieb einen kleinen regionalen Verbund dar. Pirow erhält aus Lübzow Jungsauen, deren Ferkel kommen, etwas herangewachsen, als Läufer nach Gulow in die Schweinemast. "Wir alle sind QS-Betriebe", betont Kessler. Diese Zertifizierung besagt, dass landwirtschaftliche QS-Betriebe nur noch Futtermischungen von QS-zugelassenen Mahl- und Mischanlagen herstellen lassen dürfen. "Das bedeutet, wir haben eine recht engmaschige Überwachung", fügt Kessler an.

Eigenes Getreide verfüttern

"Wir verfüttern zu großen Teilen eigenes Getreide", erklärt Bernd Cord-Kruse. Futteröle würden hinzu gekauft. "Denn ein Schwein ist ein Allesfresser, benötigt für die artgerechte Ernährung auch gewisse Mengen Sojaöl", so Cord-Kruse. Pirow verwende zu großen Teilen eigenes Futter, kaufe ansonsten Ferkelfutter im Mischfutterwerk Karstädt dazu. Und dieser Betrieb (der "Prignitzer" berichtete) kann auf die gute Qualität seines Futters verweisen, wie Kontrollen bestätigen. Ähnlich wie in Pirow werde in Gulow verfahren. Auch dort werde zu zwei Dritteln selbst produziertes Futter verfüttert, dazu kämen Nebenprodukte aus der Lebensmittelherstellung wie Sojaschrot und Kartoffeldampfschrot aus Hagenow, fügt die Tierzucht-Genossenschaftsvorsitzende hinzu.

Reinhard Polzin, frühere Vorsitzender der Gulower Genossenschaft und heute im Ruhestand, bringt es auf den Punkt: "Der Bauer kann doch so gut wie gar nicht mehr zurückverfolgen, woher die Futtermittel kommen, die er zukauft. Doch die Folgen aus dem jetzigen Dioxin-Skandal muss er allein tragen." Polzin fordert daher wesentlich schärfere Kontrollen der Futtermittelindustrie und das nicht nur auf Dioxin, sondern auch auf andere Giftstoffe.

Kritik am Bauernverband

Er zeigt wenig Verständnis dafür, dass das nicht schon bisher erfolgt ist. "Wenn die Landwirte Getreide abliefern, werden von jeder Charge Muster genommen, kontrolliert und sogar längere Zeit eingelagert, um bei eventuellen Unstimmigkeiten auch später noch einmal nachhaken zu können", beschreibt Polzin das Prozedere.

Doch das sei es nicht allein, was ihn an diesem Skandal ärgere. "Ich nehme dem Bauernverband als unserer Interessenvertretung übel, nicht mehr Fakten in die Öffentlichkeit gebracht, unsere Interessen gegenüber dem Verbraucher vertreten zu haben." Und das beziehe sich sowohl auf die Tatsache, dass die Landwirtschaftsbetriebe völlig unverschuldet in die Situation geraten seien, als auch darauf, "dass in den Medien in gewisser Weise Panik geschürt wurde, anstatt sachlich über die Gefahren, die von dem Dioxinanteil in dem gepanschten Futter ausgehen" zu berichten.

In einer Verbraucherschutz-Zeitung habe er erst relativ spät eine solche sachliche Erklärung als Antwort auf eine Leserfrage gefunden. Polzin betont, dass er den Skandal damit nicht klein reden möchte, aber die Relativität sei in der öffentlichen Diskussion nicht mehr gewahrt gewesen.

Auf vernünftige Bedingungen, nicht nur was saubere Futtermittel anbelangt, seien alle Landwirte angewiesen, betont Cord-Kruse, "egal, ob sie konventionell produzieren oder sich für biologische Landwirtschaft entschieden haben". Denn der Verbraucher reagiert bei Problemen sofort.

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