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Grabow: Gleichgesinnte feiern den Jahreswechsel : Die Entdeckung der Einsamkeit

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Ungeduldig zerren die Huskys an ihren Leinen. Als Michael Rest sie vor den Schlitten spannt, sind die Hunde kaum noch zu halten. Sobald das Geschirr angelegt wird, ist es mit der Ruhe vorbei.

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erstellt am 03.Jan.2011 | 11:05 Uhr

Grabow | Die Vierbeiner ziehen und kläffen, sie spielen verrückt, wedeln mit dem Schwanz und jaulen um die Wette. Huskys laufen nämlich für ihr Leben gern. Einmal losgelassen, sind sie kaum zu stoppen. Der 57-Jährige stellt sich mit seinem ganzen Gewicht auf den Schneepflug, damit die sechs Hunde nicht ohne ihn losrennen. Seinem Kommando folgend, werden sie ihn Minuten später kraftvoll auf einem Schlitten über einen schneebedeckten Hang in die einsame Weite des Grabower Forstes ziehen, wo keine Straßen, Wege oder Strommasten das Naturerleben stören. Die Gegend östlich der Hechtsforthschleuse bei Grabow ist ein ideales Revier. Rest ist Lenker eines Schlittenhundegespanns, ein sogenannter Musher.

"Solch motivierte Angestellte würde sich wirklich jedes Unternehmen wünschen", sagt der Husky-Führer schmunzelnd. Unter lautem Gebell hetzen die Hunde schließlich wie vom Teufel getrieben durch den Schnee. Auch nach einem Kilometer muss Michael Rest noch permanent mit einem Fuß auf dem Schneepflug stehen - der Laufdrang der Hunde ist einfach zu groß.

Am faszinierendsten sei die Stille. Nur das leise Scharren der Schlittenkufen und das Trappeln der Pfoten durchdrängen die Luft. Wenn man an steilen Hängen absteigen müsse, um den Hunden mit Schieben zu helfen, höre man nur das eigene Herz schlagen, schwärmt der aus der Nähe von Bremen Stammende. Seit 12 Jahren bedeutet ihm der Trail mehr als nur eine Reise durch eine wilde Winterlandschaft: Es sei die Entdeckung eines Lebens im Takt der Hundepfoten.

"Das lautlose Gleiten im knisternden Schnee und das Hecheln der Hunde ist alles, was die grenzenlose Stille unterbricht. Das ist ein Gefühl von Freiheit, das sich kaum beschreiben lässt. Ich bin mit mir selbst im Reinen und verschmelze mit den Hunden zu einem untrennbaren Ganzen", schwärmt Musher Rest, der seine elf kälteerfahrenen Freunde seit über einem Jahrzehnt besitzt.

Etwas ruhiger geht es jedoch auch. "Für uns ist das wichtigste, konzentriert mit den Hunden zu arbeiten und mit ihnen Natur pur zu genießen. Die Einsamkeit entdecken, sozusagen", sagt Rolf Ewald, der mit zehn Hunden angereist ist, fünf Grönlandhunden, zwei Malamuten, zwei Huskys und einem Mischling. Der 44-Jährige aus Warendorf im Münsterland ist das erste Mal in Grabow im Winter. Sprintrennen bis zehn Kilometer, das ist das, was Ewald will, der 2009 sogar Deutscher Meister mit seinen Vierbeinern geworden ist. "Ich weiß selber nicht mehr ganz genau, was mich vor 20 Jahren angetrieben hat, mich diesem Hobby zu widmen", gesteht der junge Mann, während er seinem stärksten Grönlandrüden "Nuka", den Kopf krault. Beide sehen ganz schön geschafft aus. Sie haben einen etwa 27 Kilometer langen Trail auf dem Schlitten hinter sich. Zusammen mit der 17-jährigen Tochter Chiara, die bereits in die leidenschaftlichen Fußstapfen ihres Vaters tritt.

"In der neuen Saison will ich mich auch mal an die 20 bis 40 Meter-Distanzen wagen", sagt Rolf Ewald. Die Gegend um Grabow hat offensichtlich sein Herz berührt. "Ab und zu hört man bei dieser Witterung gar nichts mehr. Diese Stille. Das es so etwas überhaupt noch gibt in Dreutschland?"

Dann erzählt Rolf Ewald von "Nuka", dessen Vorfahren bis in die 50er Jahre zurückverfolgt werden könnten. "Sie haben von 1947 bis 1952 sogar schon an einer Polarexpedition teilgenommen. "Der hat extremerprobte Gene in sich", schmunzelt der Musher, der beim Training daheim den Schlitten oder Rollwagen der Hunde mit bis zu 300 Kilogramm Gewicht belädt. "Die Tiere müssen ackern. Nur dann fühlen sie sich wohl. Langeweile ist das Schlimmste, was man diesen Vierbeiner antun kann."

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