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Lokales

21. Oktober 2017 | 03:28 Uhr

Die Chance auf Bewährung

vom

svz.de von
erstellt am 09.Sep.2010 | 07:43 Uhr

Schwerin | So etwas darf einfach nicht passieren - das Urteil ist schnell gesprochen und sich absoluter Zustimmung gewiss. Im beschaulichen Neustrelitz an der Mecklenburgischen Seenplatte hat sich ein 26-jähriger Mann an einem kleinen Jungen vergangen. Der Verdächtige ist ein Wiederholungstäter. Bis August 2008 hatte er eine Jugendstrafe abgesessen wegen "zweier Sexualdelikte zu Lasten von Kindern", wie es auf der Internetseite des Justizministerium heißt, wo Ministerin Uta-Maria Kuder (CDU) ihre Erschütterung über "diese abscheuliche Tat" publik machte. Der Verdächtige stand unter Führungsaufsicht, er wurde "von einer Bewährungshelferin, die für den Umgang mit Sexualstraftätern besonders geschult ist, engmaschig betreut", heißt es.

Der Vorfall ist ein gehöriger Schuss Öl ins Feuer, auf dem das Thema Sicherungsverwahrung schmort. Er wird von rechtsextremen Gruppen im Land zu demagogischen Forderungen nach "Todesstrafen für Kinderschänder" missbraucht. Und selbst bei sachlicher Betrachtung nährt er Zweifel an Netzen, Schulungen und Aufsicht. Denn wenn sie funktionieren, dann darf doch so etwas nicht passieren.

"So etwas passiert auch nicht." Der das sagt, ist Gerichts- und Bewährungshelfer. "Passiert gibt es nicht, es gibt nur getan", sagt Andreas Rohde. "Tätersprache" nennt er Formulierungen, die mit "man" daherkommen, mit "passiert". Das stelle ein Geschehen als unausweichlich dar und schiebe die Verantwortung ab. "Dabei gibt es einen, der für das Geschehen verantwortlich ist", sagt er. "Der Straftäter."

Andreas Rohde, 46, diplomierter Sozialpädagoge, gehört zum Bereich Soziale Dienste der Justiz Mecklenburg-Vorpommern und zu den landesweit 15 Kolleginnen und Kollegen, die eine zweijährige Ausbildung für den Umgang mit Sexualstraftätern abgeschlossen haben. In Schwerin und Umgebung betreut er Sexual- und andere Straftäter auf Bewährung.

Zwei Drittel vom Gericht, ein Drittel aus der Haft

Zahlen des Justizministerium zufolge kommen zwei Drittel der Straftäter direkt vom Gericht, das ihre Freiheitsstrafe zur Bewährung ausgesetzt hat, das andere Drittel wurde vorzeitig aus dem Strafvollzug entlassen. Für Andreas Rohde sind sie "Probanten". Die Bezeichnung Klient sei den Anwälten vorbehalten, um Patienten gehe es beim Therapeuten. Von seinen derzeit knapp 60 Probanten stehen 18 unter Führungsaufsicht, 23 sind Sexualstraftäter. Für diese beiden Gruppen ist "Intensiv-Intervention" mit Kontakten im 14-Tage-Rhythmus vorgeschrieben.

Ihr Bewährungshelfer bestellt sie ins Büro, besucht sie unangemeldet zu Hause. Er spricht mit ihnen über die Straftat, überprüft Weisungen und Auflagen des Gerichts. Als Kontrolle und Hilfe versteht er seine Arbeit. "Sie beginnt und endet mit einem Gerichtsbeschluss." Seinen Probanten erklärt er es mit unmissverständlicheren Worten: "Beim Richter liegt der Haftbefehl schon parat, Sie haben die Wahl, ob er vollstreckt wird oder nicht." Das "Sie" setzt er bewusst zwischen sich und die andere Seite. Es soll eine Grenze markieren und als Signal dienen: Einen Kuschelkurs gibt es nicht, es handelt sich um eine Arbeitsbeziehung. "Eine tragfähige Arbeitsbeziehung" - gegründet auf Respekt.

"Wenn ich mit ihnen arbeite, kann ich helfen, dass es keine neuen Opfer gibt." Natürlich bestehe dafür keine Garantie. "Bei den meisten ist die Arbeit aber nicht vergeblich." Das ist Erfahrung und die Hoffnung des Bewährungshelfers. Vor sieben Jahren fing Andreas Rohde bei der Bewährungshilfe an. Zuvor hatte er mit Jugendlichen gearbeitet, solange, bis er die Gefahr spürte, ein "Berufsjugendlicher oder Kumpeltyp" zu werden. Rückfälle hat er in den Jahren miterlebt - "aber nie bei Sexualstraftaten". Das klingt nach Erleichterung. Die Frage, die jede gescheiterte Bewährung ihrem Helfer stellt, sei immer gleich: "Was hätte ich anders machen können?" Besonders, wenn Menschen betroffen sind, umso mehr bei Kindern und sexueller Gewalt.

Vorteile und Nachteile der Straftat

Andreas Rohde will Muster aufdecken, nach denen Straftäter vorgehen, die Umstände und Situationen erkennen, die sie in Versuchung führen und Legenden enttarnen, die Schuld schmälern sollen. Etwa bei dem Mann, der seine Stieftochter missbraucht hatte. Er musste ihr immer die Scheide eincremen, damit sie nicht zuwächst, hatte er behauptet. Der Bewährungshelfer konfrontierte seinen Probanten mit der Frage, ob er einem anderen erwachsenen Mann eine solche Geschichte glauben würde.

In einem Fall musste An dreas Rohde die Straftat in der Gerichtsakte nachlesen: Ein Mann hatte sich in seiner Wohnung bei laufendem Pornofilm befriedigt. Ein Nachbar rief die Polizei, denn der nackte Fummler hat zwei junge Mädchen zu Besuch. Obwohl in flagranti ertappt, verurteilt und mittlerweile als Probant bei der Bewährungshilfe, blieb er dabei, dass er einzig und allein Opfer übler Nachrede sei. An dreas Rohde ließ ihn gewähren: "Denken wir trotzdem mal darüber nach, wie Sie hätten verhindern können, dass so etwas von Ihnen behauptet wird!"

Er vergleicht seine Arbeit ein wenig mit der eines Arztes: Statt Anamnese, Diagnose, Therapie spricht er von Kennenlernen, Handlungsorientierung und konkretem Handeln. Das könnte die Schuldnerberatung sein, eine Suchttherapie, die Suche nach einer freien Stelle für gemeinnützige Arbeit, manchmal ist es einfach nur der Rat zu etwas mehr Körperpflege. Das Gericht erhält regelmäßige Berichte, der Bewährungshelfer kann sogar Veränderungen der Auflagen anregen.

Meist macht Andreas Rohde mit seinen Probanten eine Art Kosten-Nutzen-Rechnung auf, schreibt Vorteile und Nachteile der Straftat auf. Immer überwiegen die Nachteile. "Mit Straftätern zu arbeiten, ist die einzige Chance, dass es keine neuen Opfer gibt", sagt er. Eine Chance.

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