"Die Bösen werden immer böser"

Dr. Christian Haase leitet in Schwerin die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dort lernen Patienten unter anderem, nicht mehr so leicht auszurasten.Klawitter
Dr. Christian Haase leitet in Schwerin die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dort lernen Patienten unter anderem, nicht mehr so leicht auszurasten.Klawitter

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14. August 2010, 01:57 Uhr

Schwerin | Schon zwei Jugendbanden hat die Schweriner Polizei in diesem Jahr dingfest gemacht. Werden unsere Kinder wirklich immer krimineller? Was sind die Hintergründe für ihr Handeln? SVZ sprach mit Dr. Christian Haase, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an den Schweriner Helios-Kliniken.

In einer Veranstaltung zum Thema Jugendkriminalität haben Sie gesagt "Nie war eine Kindheit so friedlich wie heute". Trotzdem hat die Polizei jetzt zwei Jugendbanden mit insgesamt fast 60 Tatverdächtigen ausgehoben. Wie passt das zueinander?

Dr. Christian Haase: Die Kriminalität bei Jugendlichen nimmt insgesamt ab, das sagen alle Studien. Das Problem ist nur, dass eine immer kleinere Gruppe immer größere Probleme macht. Die Bösen werden noch ein bisschen böser. Ich glaube auch nicht, dass alle 60 Tatverdächtigen im gleichen Maße kriminell sind. Übrigens: Der normale jugendliche Straftäter begeht meist nur eine Tat. Das ist in dieser Lebensphase nicht ungewöhnlich. Fragen Sie mal die Erwachsenen von heute. Da fällt den meisten irgendein "Unsinn" ein, den sie gemacht haben, als sie jung waren. Manche Sachen kommen heute auch eher zur Anzeige als früher.

Warum werden die Bösen böser?

Die meisten leben unter sehr schwierigen Verhältnissen und ihre Entwicklung verläuft wie eine Spirale. Das beginnt oft mit Bindungsstörungen an die Eltern, die ihr Kind entweder ignorieren, misshandeln oder ihm einfach ambivalente, unberechenbare Gefühle entgegenbringen. In den allerersten Jahren werden die entscheidenden Weichen gestellt. Wenn dann die Kinder in der Kita auffällig sind, aus der Gruppe rausfallen und in der Schule nicht die geforderten Leistungen bringen, schraubt sich die Frustrations-Spirale immer weiter nach oben. Jugendliche, die wir hier therapieren, müssen vor allem daran arbeiten, ihre eigenen Gefühle in den Griff zu bekommen, nicht mehr so leicht auszurasten. Viele von ihnen nehmen ihre Umwelt viel feindlicher wahr als sie ist, sie vermuten in den Gesten und Blicken anderer Menschen sofort Bedrohungssignale. Das liegt auch daran, dass sie in einer Umwelt aufgewachsen sind, die nicht gerade zimperlich ist.

Müssen diese Startbedingungen in die Kriminalität führen?

Nein, es gibt auch viele gute Schutzfaktoren, wie Sport, ein besonderes Talent, das die Jugendlichen ausleben dürfen oder einen stabilen Erwachsenen, an dem sie sich orientieren können. Beispielsweise einen Lehrer.

Welche Ursachen hat Jugendkriminalität? Wie kommt es, dass aus dem einen Kind ein Professor und aus dem anderen ein Krimineller wird?

Haase: Wer das richtig beantworten kann, verdient den Nobelpreis. Jeder kommt schon mit unterschiedlichen Startbedingungen auf die Welt. Da sind die biologisch-genetischen Faktoren, es gibt unterschiedliche Temperamente, in der Schwangerschaft oder unter der Geburt kann etwas passieren. Und natürlich ist das psychosoziale Umfeld entscheidend, in dem der Mensch aufwächst. Dabei sind aber nicht nur Kinder aus unteren Schichten gefährdet, auf die schiefe Bahn zu geraten. Es gibt auch die Wohlstandsverwahrlosung.

In den zwei Schweriner Jugendbanden gehörten Mädchen zu den führenden Köpfen. Ein neuer Trend?

Mädchen holen in allem auf und werden daher auch in diesem Umfeld stärker. Das Frauenbild von heute erlaubt es, dass sich Mädchen gegen Jungs durchsetzen können. Auch eine Form der Emanzipation. Durch so eine Position in der Bande können sich Mädchen aber auch schützen, sie werden nicht mehr so oft Opfer.

Was können Eltern tun, damit ihr Kind nicht auf die schiefe Bahn gerät?

Versuchen, ihr Kind gut zu erziehen. Es muss Fehler machen dürfen und vor allem lernen, mit Misserfolgen umzugehen. Den Kindern einen bestimmten Freundeskreis zu verbieten, funktioniert meistens nicht. Aber wenn sich Eltern ernste Sorgen machen über das Verhalten ihres Kindes, sollten sie unbedingt Hilfe bei Beratungsstellen oder dem Jugendamt suchen.

Wie schlimm sind die Medien in diesem Zusammenhang? Senken brutale Filme oder Computerspiele die Hemmschwelle?

Gewaltspiele oder der Konsum von gewalttätigen Videos stehen im Zusammenhang mit Gewaltbereitschaft und schlechten schulischen Leistungen. Gewalttätige Jugendliche konsumieren mehr davon, umgekehrt können solche Medien auch Gewalt bahnen. Wichtig dabei ist, ob sich bei den Jugendlichen gewaltorientierte Männlichkeitsnormen, also die so genannte Machokultur, ausbilden. Medien sind jedoch nur ein Einflussfaktor und sollten nicht überschätzt werden. Der stärkste Einfluss auf Jugendgewalt geht von der Zahl problematischer Freunde aus. Wer mehr als fünf delinquente Freunde hat, ist zirka 50-fach häufiger Mehrfachtäter als ein Jugendlicher ohne delinquente Freunde.

Wie entwickelt sich Jugendkriminalität in den nächsten zehn Jahren? Müssen wir uns fürchten?

Nein, fürchten müssen wir uns nicht. Die Tendenz ist im Allgemeinen positiv. Es gibt allerdings Bereiche, in denen die Probleme größer werden, da sollte man gut aufpassen und auch Geld investieren in Schulen, Jugendhilfe und kompetente Sozialarbeit. Schließlich ist auch ein Tag im Knast sehr teuer.

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