Sportartikelhändler Decathlon will sich in Schwerin ansiedeln : Die Angst vor dem Riesen

Wenn es nach den Einzelhändlern in der Schweriner Innenstadt geht, soll '!Decathlon' sich nicht an der Ludwigsluster Chaussee niederlassen.  imago
Wenn es nach den Einzelhändlern in der Schweriner Innenstadt geht, soll "!Decathlon" sich nicht an der Ludwigsluster Chaussee niederlassen. imago

Einzelhändler in Schwerin wehren sich gegen die Ansiedlung des französischen Sportartikelhändlers "Decathlon" an der Ludwigsluster Chaussee. Sie befürchten eine Verödung der Innenstadt.

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28. Februar 2011, 08:28 Uhr

Schwerin | Auf 2500 Quadratmeter Fläche will der französische Sportartikelhersteller und -händler Decathlon eine Vollsortiment-Niederlassung an der Ludwigsluster Chaussee eröffnen. Ursprünglich wollte Decathlon auf 4000 Quadratmetern eröffnen, ein Gutachten hatte jedoch nur die geringere Verkaufsfläche als verträglich für Schwerin und das Umland eingestuft.

Von Sportbekleidung über Angelzubehör bis hin zu Fahrrädern - alles bieten die Franzosen an, dabei 60 bis 80 Prozent Eigenmarken. Ähnlich wie bereits in Rostock wehren sich die hiesigen Einzelhändler gegen die Ansiedlung. Die Angst: Billig-Konkurrenz am Stadtrand könnte den Einzelhandel in der Innenstadt schädigen. Verödung der City und Verlust von Arbeitsplätzen lauten die Stichworte.

Erst eine Niederlassung in Norddeutschland

Doch der renommierte Sportartikelhändler aus dem Nachbarland würde auch Millionen investieren. Die Bereitschaft, dies in Ostdeutschland zu tun, ist offenbar groß. Heinz Kopp, Geschäftsführer des Einzelhandelsverbands Nord-Ost, geht davon aus, dass Decathlon deutschlandweit nach verschiedenen Standorten sucht. "Der französische Händler möchte ganz klar den deutschen Sportartikelmarkt erobern. Bislang gibt es in Norddeutschland nur eine Filiale in Bremerhaven", so Kopp.

"In allen angefragten Städten Ostdeutschlands ist Decathlon meiner Kenntnis nach von den Städten, der IHK und dem Einzelhandelsverband abgelehnt worden, außer in Schwerin und Rostock", beklagt Wolfgang Rossow, Geschäftsführer der Sportpoint Handels GmbH aus Berlin, die in Schwerin im Schlosspark- und im Sieben Seen Center Intersport-Niederlassungen betreibt. Mit 600 bzw. 800 Quadratmeter Verkaufsfläche gehörten beide Märkte zu den fünf größten in Mecklenburg-Vorpommern.

Rund 900 Quadratmeter groß werde die Verkaufsfläche des Wettbewerbers Sport 2000 in der Marienplatz-Galerie. "Wir sind kein Vollsortimenter, das ist richtig. Aber es gibt nichts, das man nicht auch über uns bekommen könnte", sagt Rossow und hält die Argumentation der Stadt für fadenscheinig, dass Decathlon eine Bedarfslücke in Schwerin schließen würde.

Internes Gutachten: Kein Markt für weitere Filiale

Der Intersport-Chef verweist auf ein Gutachten seines Hauses aus dem vergangenen Jahr, in dem das Marktpotenzial Schwerins untersucht wurde. "Die Zahlen zeigen uns eindeutig, dass wir unsere beiden Standorte in der Innenstadt und in Krebsförden zwar durchaus perspektivisch erweitern könnten", berichtet Rossow. "Für einen dritten Standort sei dagegen kein Markt vorhanden." Sport 2000 habe Rossow zufolge ein eigenes Gutachten, das das von Intersport bestätige. Für ihn sei es klar, dass Decathlon ähnliche Analysen vorliegen habe. "Es wird also um Verdrängung gehen", sagt Rossow. "Wir sind aber gut aufgestellt. Selbst wenn wir im drastischsten Fall eine Filiale in Schwerin schließen müssten, wäre das für uns nicht existenzbedrohend. Ich weiß aber nicht, ob ich das für alle Fahrrad- und Sportartikelhändler der Stadt sagen könnte." Eine falsch dimensionierte Ansiedlung würde aus seiner Sicht die mehr als 50 kleinen und mittelständischen, zum Teil sich in den ersten Jahren der Existenzgründung befindlichen Sport-, Camping-, Fahrrad-, Angel- und Bootsgeschäfte in Schwerin und dem geplanten Einzugsgebiet vor existenzielle Probleme stellen.

Druck der Discounter schon jetzt erheblich

Dabei ist bereits jetzt die Konkurrenz groß, sagt Thomas Otter von Sport 2000, der am Grunthalplatz einen Fachmarkt betreibt. "Große Discounter bieten ständig ein breites Sortiment an Sportbekleidung, Schuhen und auch an Sportgeräten an. Discounter, die primär auf den Verkauf von Lebensmitteln oder Kaffee ausgerichtet sind, lassen es sich ebenfalls nicht nehmen, temporär Angebote aus dem Sporteinzelhandel zu unterbreiten. Die Preisgestaltung der Discounter ist dabei eher an der Zugewinnung von Kunden orientiert", erklärt Otter.

Wenn jetzt mit Decathlon ein weiterer Wettbewerber komme, würde der sich Marktanteile sichern, die den bestehenden Einzelhändlern dann fehlen werden. Ohne eine besondere Spezialausrichtung werde ein Überleben der Sporteinzelhändler in Schwerin sehr schwer werden. "Eines sollte unseren Politikern klar werden: Es ist wohl wichtig, neue Wirtschaft in Schwerin anzusiedeln und entsprechende Arbeitsplätze zu schaffen. Stellt die Neuansiedlung

aber einen Wettbewerber zu unseren Einzelhändlern dar, werden an anderer Stelle auch immer Arbeitsplätze verloren gehen und die Individualität des Handels wird bald in Schwerin nicht mehr zu finden sein", sagt Otter. Und dann werde es auch zu einer Verödung der Innenstadt kommen. "Zu den vielen bereits leer stehenden Geschäften werden sich weitere hinzu gesellen und nun bald auch noch ein großes Kaufhaus, wo es sicher sehr schwer wird, einen attraktiven Nachmieter zu finden. Am Bleicher Ufer, das noch in den 90er-Jahren ein erfolgreiches Center war, wurden diese jedenfalls nie gefunden."

Die Schweriner Händler wollen jetzt gemeinsam und mit dem Einzelhandelsverband abgestimmt auf die Stadt zugehen und ihre vorliegenden Gutachten präsentieren - inklusive eines derzeit von einem Unabhängigen erstellten. Wolfgang Rossow: "Wir hoffen, dass wir nach den zahlreich vorgetragenen Argumenten für Decathlon auf der grünen Wiese Verwaltung und Politik sensibilisieren können, auch die Gründe gegen die Ansiedlung zu hören. Jeder sollte eine reelle Chance aufs wirtschaftliche Überleben haben."


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