Wechselvolle Geschichte der Schweriner Brauerei : Die älteste Bierquelle versiegt

<strong>Die moderne Abfüllanlage </strong>wurde erst vor knapp zwei Jahren in  Betrieb genommen. <foto>Archiv</foto>
Die moderne Abfüllanlage wurde erst vor knapp zwei Jahren in Betrieb genommen. Archiv

Kein Bier mehr aus der Landeshauptstadt. Die Oettinger Brauerei richtet ihren Standort Schwerin neu aus. Wie Geschäftsführer Kollmar sagte, soll ab April die Brauerei nur noch als Logistik-Zentrum eine Rolle spielen.

svz.de von
21. Februar 2011, 05:59 Uhr

Schwerin | Aus der Landeshauptstadt soll künftig kein Bier mehr fließen. Die Oettinger Brauerei richtet ihren Standort in Schwerin neu aus. Wie Geschäftsführer Dirk Kollmar sagte, soll von April an die kleinste Brauerei des Unternehmens nur noch als Logistik-Zentrum eine wichtige Rolle spielen. Schwerin solle ein Dienstleistungszentrum für Brauereiprodukte werden.

Wie Pressesprecherin Pia Kollmar gestern gegenüber SVZ betonte, wurde ein Sozialplan erarbeitet, um den direkt betroffenen 50 Mitarbeitern Lösungen anzubieten. Der Plan sieht sowohl individuelle Vorruhestandsregelungen als auch die Möglichkeit vor, neue Aufgaben in der Oettinger-Gruppe zu übernehmen.

Dabei war erst am 23. Oktober 2009 in Schwerin eine 16-Millionen-Investition getätigt worden. Eine neue Abfüllanlage, die 40 000 Mehrwegglasflaschen pro Stunde füllen kann, wurde übergeben. Die Anlage bleibt nach den Worten von Pia Kollmar auch künftig in Schwerin. "Wir hoffen, dass wir Fremdmarken abfüllen können oder dass Mitbewerber dem starken Kostendruck auf dem Markt nicht standhalten. Dann stehen wir in Schwerin technisch hervorragend ausgerüstet in den Startlöchern", erklärte Kollmar. Der Kostendruck durch steigende Rohstoffpreise und die stagnierenden Absatzmöglichkeiten hätten die Brauerei zur Richtungsänderung gezwungen. "Wir müssen sogar in Oettingen selbst zehn Leute entlassen", so die Sprecherin, die auch für das Marketing verantwortlich zeichnet.

Die Schweriner Brauerei kann auf eine lange wechselvolle Geschichte zurückblicken. Sie hat den ehrwürdigen Ruhm, das älteste industriemäßig betriebe Unternehmen in Schwerin zu sein. Als Holzhandlung wurde die Firma Schall & Schwencke schon 1821 ins Leben gerufen, 1855 wurde die Brauerei hinzu gegründet. Nachdem diese in den 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts als Mecklenburgische Aktien-Bier-Brauerei weitergeführt wurde, kam sie aber bald wieder an die ursprüngliche Firma Schall & Schwencke zurück und befand sich von 1900 bis 1936 im Besitz von Friedrich Neubeck und einigen Kleinaktionären. Die Brauerei konnte sich in Schwerin siegreich gegen drei weitere Brauereien durchsetzen: Paulshöhe (Vormals Spitta), Städtisches Brauhaus und Feldmann.

Wie überall in Mecklenburg wurden bei Schall & Schwencke zuerst nur dunkle Biere nach Bayrischer Brauart hergestellt. Bier nach Pilsner Brauart wurde zunehmend nach dem Ersten Weltkrieg gebraut. In den 30er-Jahren wurden etwa 35 000 Hektoliter pro Jahr gebraut.

Aus Schriften der 30er-Jahre ist ersichtlich, dass etwa 100 Arbeiter bei der Brauerei beschäftigt waren. Durch 25 Niederlagen mit eigenen Kellereien gelangte das Bier zum Verkauf. Für eine schnelle Belieferung sorgte ein Wagenpark von 20 Lastkraftwagen. Außerdem bestimmten 15 Pferdegespanne das Bild in der Stadt. In den Lagerkellern waren neben den gebräuchlichen Holzfässern bereits Aluminium-Gärbottiche und glasemaillierte Lagertanks in Betrieb.

In der DDR musste Schall & Schwenke 1957 eine staatliche Beteiligung aufnehmen. Dr. Neubeck war hier weiter als Justiziar tätig. So legte er dem Werkleiter Rechenschaft über seine Tätigkeit ab, legte der Werkleiter ihm Rechenschaft über die Verwaltung seiner Anteile ab und gingen beide gemeinsam zum Wirtschaftsrat, um dem Staat Rechenschaft abzulegen. In den 60er-Jahren wurde dann aus dem stilisierten Doppel-S, das einen Funktionär an die NS-Zeit erinnerte, ein S u. S als Firmenzeichen. 1970 endete die kuriose Rechenschaftszeit und der Staat übernahm den Betrieb vollständig. Der Name wurde in VEB Schweriner Brauerei geändert.

Von 1972 bis zur Wende war die Brauerei Stammbetrieb des VEB Getränkekombinat Schwerin. Erster Kombinatsdirektor war Erich Hamann, der die Brauerei seit 1969 geleitet hatte. Zum Getränkekombinat mit etwa 2000 Beschäftigten gehörten sechs Brauereien, Uhle-Sekt, sowie die Spirituosenfabriken in Ludwigslust und Güstrow.

Nach der Wende wurde ein neuer Standort gesucht. Die Schweriner Schlossbrauerei mit noch 36 Mitarbeitern wurde im Juni 1997 von der Oettinger-Gruppe übernommen. Gegenwärtig hat sie 80 Mitarbeiter.

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