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Lokales

23. November 2017 | 03:03 Uhr

Schwerin : Dicke Luft im Nahverkehr

vom

Im Nahverkehr kocht die Stimmung. Dabei geht es weniger um den Vorwurf an Geschäftsführer Norbert Klatt. Vielmehr nutzt die Mehrheit der Belegschaft die Situation erstmals zur Generalkritik am Chef.

svz.de von
erstellt am 25.Nov.2013 | 10:50 Uhr

Im Nahverkehr kocht die Stimmung. Dabei geht es weniger um den Vorwurf an Geschäftsführer Norbert Klatt, er habe Sohn und Tochter im kommunalen Unternehmen bevorteilt. Vielmehr, so berichten es mehrere Mitarbeiter* gegenüber unserer Zeitung, nutzt die Mehrheit der Belegschaft die Situation erstmals zur Generalkritik am Chef. Die Betriebsversammlung in der vergangenen Woche - die Öffentlichkeit war ausgeschlossen - soll Augenzeugen zufolge vor allem eines deutlich gemacht haben: Die Wut gegen den Führungsstil von Norbert Klatt hat sich über Jahre angestaut. Offenbar hat sich aufgrund von drohenden Abmahnungen oder gar Kündigungen - die soll es im Vergleich zu anderen städtischen Unternehmen in Größenordnung gegeben haben - bislang niemand zum Protest durchgerungen. Jetzt, da der dienstälteste kommunale Geschäftsführer selbst in der Kritik steht, sei der Damm gebrochen. "Die Belegschaft steht nahezu geschlossen hinter dem Betriebsrat", so ein Augenzeuge.

Wie es derzeit um die Stimmung im Unternehmen bestellt ist, zeigt auch die Tatsache, dass niemand - weder Befürworter noch Gegner Norbert Klatts - namentlich zitiert werden wollen. Zu groß sei die Angst vor Repressalien und Mobbing.

Das, was auf der Betriebsversammlung vor gut 150 Mitarbeitern öffentlich angesprochen wurde, klingt unglaublich. Von Nötigung der Nahverkehrs-Gewerkschafter soll die Rede gewesen sein, um den Sohn im Unternehmen einstellen zu können. Von einer Abmahnung - sie hatte vor Gericht keinen Bestand - soll Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow als Gast erfahren haben, die ein Busfahrer wegen einer falschen Dienst-Krawatte erhalten hatte. Von gekürzten Wendezeiten für Busfahrer war die Rede, so dass ihnen nicht einmal ein Toilettengang möglich sei. Sogar einen Kranz zur Beerdigung für eine gestorbene Mitarbeiterin, die fast 40 Jahre lang für den Nahverkehr gearbeitet hatte, soll der Geschäftsführer verweigert haben. Die Belegschaft habe selbst gesammelt. Die von OB Gramkow als Dankeschön zum Weihnachtsfest für die Belegschaft gespendeten Lebkuchen-Herzen sollen statt bei Mitarbeitern im Müll gelandet sein. Alles Verleumdungen und Gerüchte? Augenzeugen bestätigen gegenüber SVZ: Diese und noch weitere Vorwürfe seien unter mehrheitlichen Zustimmungsrufen und Nicken der Belegschaft auf der Versammlung vorgetragen worden sein.

Es gibt ganz klar auch Befürworter des Geschäftsführers. "Es haben sich Kollegen beklagt, dass es Alkoholkontrollen der Fahrer gibt", berichtet ein Mitarbeiter unserer Zeitung. Das sei jedoch nicht nur vom Gesetzgeber so vorgeschrieben, sondern "sollte allein aus Sicherheitsgründen für jeden eine Selbstverständlichkeit sein", so der Mitarbeiter gegenüber SVZ. Aber: Müssen diese Alkoholkontrollen tatsächlich öffentlich vor Fahrgästen durchgeführt werden, obwohl nur wenige Meter entfernt ein Aufenthaltsraum ist? Die Masse der Fahrer sagt nein.

Auch diese Meinung gibt es: "Wenn der Betriebsratsvorsitzende vor versammelter Mannschaft verkündet, er könne nicht mehr mit dem Geschäftsführer zusammenarbeiten und deshalb müsse der Chef gehen, dann spricht das schon Bände - zumal es auf der Betriebsversammlung kaum Widerspruch gab", so ein weiterer Mitarbeiter gegenüber SVZ. "Man muss sich solch eine Forderung mal in der freien Wirtschaft vorstellen: Der Betriebsratsvorsitzende fordert den Chef auf zu gehen. Absurd."

Doch genau das scheint die Grundstimmung beim Nahverkehr zu sein. Eine weitere Zusammenarbeit zwischen dem Geschäftsführer und der Belegschaft klingt nahezu unmöglich. Und offenbar schwenkt auch in der Politik die Stimmung um. Man müsse jetzt die Belegschaft schützen, war schon zu hören. Selbst von Suspendierung des erkrankten Geschäftsführers ist die Rede.

Die Prüfer, die den Nahverkehr unter die Lupe nehmen sollen, ob vom Landesrechnungshof oder von einem privaten Unternehmen, scheinen weitaus mehr aufklären zu müssen, als die Frage, warum Sohn und Tochter Klatt so schnell im städtischen Unternehmen Karriere machten. Es wird auch um die Masse der Gerichtsverfahren nach Abmahnungen und Kündigungen gehen müssen, sind sich Augenzeugen einig. Und ebenso dürfte zu klären sein, warum über Jahre weder die Gesellschafter, Stadtwerke und Stadt, noch der Aufsichtsrat eingeschritten sind, wenn denn Betriebsrat oder Mitarbeiter um Hilfe gebeten hatten. (*Namen der Redaktion bekannt)

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