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Lokales

18. Oktober 2017 | 13:32 Uhr

Diät für den inneren Schweinehund

vom

svz.de von
erstellt am 21.Jun.2011 | 08:05 Uhr

Parchim | Bis vor sechs Wochen hatten Arne, Stefanie, Florian und Alec voneinander noch nie gehört. Wie auch, sind sie doch zu hause in Vorpommern, Sachsen Sachsen-Anhalt und Schwerin. Die letzten Wochen, die sie gemeinsam im Kindersanatorium "Markower Mühle" verbrachten, haben sie zusammengeschweißt. Heute könnte man sie als beste Freunde bezeichnen. Die vier Kinder eint ein Schicksal: Sie kamen nach Parchim mit viel "Gepäck" - nämlich mit Übergewicht, einem Leidensdruck, aber auch dem Willen, in ihrem Leben etwas grundlegend zu ändern.

Stefanie (15 Jahre) hat sich das fest vorgenommen. Ihre Zeit in Parchim geht in diesen Tagen gerade zu Ende. 102 Kilo wog sie, als sie kam, 90 Kilo knapp sechs Wochen später. Dass sie stolz darauf ist, muss sie nicht sagen. Man merkt es deutlich. Ein eiserner Wille klingt mit, als sie eröffnet: "Ich möchte gern noch mehr abnehmen. Vorne soll unbedingt eine acht stehen." Für Stefanie ist es ein greifbares Nahziel. Und sie glaubt fest daran. "Bestimmt wird es viel schwerer, das Gewicht auch zu halten", sagt sie - ein wenig unsicher. Fest vorgenommen hat sie es sich dennoch. Mit viel Sport will sie es schaffen. "Ich werde in meine alte Fußballtruppe zurückkehren, und ich möchte wieder bei der Feuerwehr mitmachen. Wie früher, als ich noch nicht so viel Übergewicht hatte."

Das mit dem Sport ist ein Verdienst der Therapie. Ob Ausdauer- oder Intervalltraining, Bauch, Beine oder Po - Trainingseinheiten sind fester Bestandteil der Kinderkuren. Vom allerersten bis zum buchstäblich letzten Tag. Florian, 12 Jahre, ist gerade anderthalb Woche in Parchim. Es waren die vielleicht schwersten der Kur überhaupt. "7,5 Kilometer Nordic Walking, immer bergauf und -ab. Ich hab noch nie so dollen Muskelkater gehabt", sagt der Junge, der zuletzt schon ein Sportattest für die Schule hatte, die Strecke aber meisterte. Schule ist für den Sachsen-Anhaltiner ein Stichwort, allerdings kein schönes. Florian ist zwar übergewichtig, zu übermäßiger Leibesfülle neigt er nicht. Und doch war die es, die ihn zur Zielscheibe der Mitschüler machten. Lange Zeit und zum Schluss so sehr, dass Florian Albträume bekam und nicht mehr zum Unterricht gehen wollte. "Im nächsten Jahr werde ich deshalb auch auf eine andere Schule gehen", sagt er und weiß, dass der Wechsel für ihn die Chance auf einen Neuanfang ist. Dann vielleicht auch unter besseren Bedingungen. "Wenn mich die anderen geärgert haben, haben manche Lehrer sogar weggeschaut", erzählt er empört.

Annemarie Schulze, Leiterin der Einrichtung, die direkt am Wockersee liegt, traut Stefanie zu, dass sie ihr Ziel nicht aus den Augen verlieren wird. Und sie glaubt auch an Florian, der in seinen ersten Tagen unter seinesgleichen aufgetaut ist. Bei Alec, Arne, Stefanie und den anderen in der Markower Mühle findet er Verständnis für seine Situation. Falsche Essgewohnheiten, Mobbing, Kummer - sie alle kennen das ganz genau. Und sie wollen ihre Situation ändern. "Ich bin hierher gekommen, weil ich einen Neuanfang will", erzählt der zwölfjährige Alec, der seit zwei Jahren in Schwerin lebt, hier ein schweres erstes aber ein wesentlich besseres zweites Schuljahr hinter sich hat. "Früher wurde ich auch geärgert. Aber jetzt unterstützt mich meine Klasse total. Alle haben mir geschrieben, dass sie die Kur toll finden." Das findet auch Alec. Sein Anfangsgewicht von 66 Kilo konnte er binnen sechs Wochen auf 59 Kilo reduzieren. "Ich habe mir fest vorgenommen, nicht nochmal die gleichen Fehler zu machen", schwört er. Sein Plan: Jeden Abend Bauch, Beine Po, Joggen oder Walken mit seinem Opa und wieder beim Basketball anmelden. "Da hatten die anderen mich rausgemobbt, weil ich dick war."

Rank und schlank sind die vier auch nach sechs Wochen nicht. Aber sie haben bei Annemarie Schulze, den Trainern und Therapeuten der Kureinrichtung, vor allem aber auch voneinander eine Menge gelernt: Während der Kur lag der Fokus auf Ernährungsumstellung, auf Sport, Motivation, darauf, den inneren Schweinehund zu besiegen und Selbstbewusstsein zu tanken. Annemarie Schulze: "Nach der Kur liegt es nun an ihnen und ihren Eltern, aus dieser Chance auch langfristig etwas zu machen."

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