Der wilde Westen lässt grüßen

Peter Steinacker liebt Details, wie sie auch hier in seiner Westernstadt zu sehen sind. Die Platte ist 25 Quadratmeter groß.
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Peter Steinacker liebt Details, wie sie auch hier in seiner Westernstadt zu sehen sind. Die Platte ist 25 Quadratmeter groß.

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03. März 2010, 10:54 Uhr

Berge | Da würde selbst Karl May staunen, lebte er noch und käme zu Peter Steinacker nach Berge. Denn der hat den wilden Westen und das Leben von Indianerstämmen live bei sich zu Hause. Auf einer Platte von zirka zehn Metern Länge und 2,50 Metern Breite erlebt der Betrachter Nordamerika in der Mitte des 19. Jahrhunderts: vom Landesosten mit Westernstadt und Eisenbahn bis in den weiten Westen, der noch weitgehend in Indianerhand war.

Rund 1500 Aufstellfiguren hat Peter Steinacker seit seinem achten Lebensjahr zusammen getragen. Damit zählt er zu den fünf Sammlern in Deutschland, die die meisten Wildwestfiguren besitzen. Mehrmals im Jahr nimmt der Berger auch an Sammlertreffen teil. "Ich habe damals als Kind in der Woche eine Mark Taschengeld bekommen, 80 bis 90 Prozent davon wurden in Figuren umgesetzt. Eine Figur kostete 20 Pfennig, ein Reiter eine Mark", erinnert sich der heute 71-Jährige noch genau.

1200 der 1500 Aufstellfiguren sind in dem Diorama zu sehen. "Ich sammle alle Wildwestfiguren, auch ausländische, im Maßstab eins zu 25. Es sind keine Zinn-, sondern alles Masse- bzw. Kunststofffiguren", so der Sammler. Und erklärt, dass erste Massefiguren bereits im 18./19.Jahrhundert hergestellt und im Laufe der Jahre in der Materialzusammensetzung immer robuster gemacht wurden. Typische Bestandteile waren Mühlen- und Papierabfälle, Holz- und Schiefermehl, Gips, Wachs, Harz und Leim. Die Masse wurde in Formen gedrückt und nach dem Aushärten handbemalt. Die Vollmasse machte die Figuren sehr schwer. Später kam das Gießverfahren hinzu, die Figuren waren innen hohl, damit leichter, aber auch anfälliger bei Beschädigungen. Wie Peter Steinacker in der Fachliteratur nachlas, ließen manche Hersteller auch Zuchthausinsassen für sich arbeiten. So soll auch der spätere Staats- und Parteichef der DDR, Erich Honecker, während seiner Haft in der Nazizeit im brandenburgischen Zuchthaus in die Arbeit für Figurenhersteller einbezogen gewesen sein.

In den 1950er Jahren wurde das Ausgangsmaterial durch Kunststoff abgelöst. Später kamen auch Gummifiguren hinzu. Peter Steinacker besitzt einige wertvolle Massefiguren, die er wegen der abweichenden Norm und der Materialanfälligkeit in Vitrinen aufbewahrt, wie Buffalo Bill oder David Krocket (zwölf Zentimeter), gefertigt 1903. In seinem Besitz befinden sich auch sämtliche Karl May-Figuren, die es auf dem Markt gibt - von Winnetou, Kara Ben Nemsi, Old Shatterhand bis hin zu den Indianerhäuptlingen Tecumseh, Sitting Bull oder Crazy Horse. Eine Seltenheit in Steinackers Sammlung ist auf jeden Fall ein Metallreiter zum Aufziehen - noch im Originalkarton verpackt.

Sein zirka 25 Quadratmeter großes Diorama hat Steinacker in sieben ineinander übergehende Themenbereiche gestaltet - beginnend mit einer Westernstadt einschließlich Saloon, Bank, Store, Friedhof, Leichenwagen usw. Sogar ein Banküberfall ist nachgestellt. Von der Westernstadt aus setzt sich ein Planwagentreck mit Siedlern, der damals teilweise bis zu zwei Jahren in Richtung Westen unterwegs war, in Bewegung.

Mit Begleitschutz ist auch eine Postkutsche im schnellen Tempo anzutreffen - vorbei an Goldgräbercamps mit teils zwielichtigen Gestalten. Dann eine Wagenburg, in der sich ein Siedlertreck gegen einen Indianerüberfall verteidigt. Ein Stück weiter das Fort Laramie mit Soldaten als Schutz für die Siedler - von Peter Steinacker selbst gebaut. Gleich nebenan Gleisbauarbeiter, die mit dem Bau der Central Pacific-Eisenbahn beschäftigt sind.

Schlacht am Little Big Horn ganz lebendig

Auch greift der Sammler die schlimmen Jahre der Büffelausrottung 1872-74 auf, als Millionen Bisons vor allem des Profits wegen getötet wurden - die Felle gingen an die Stiefelindustrie zur Neuausrüstung der europäischen Armeen. Das massenhafte Abschlachten der Tiere sollte zum anderen den Indianern die Lebensgrundlage nehmen und sie durch Hunger in ihre Reservate zwingen.

Miterleben kann der Betrachter ebenfalls die letzte große Schlacht am Little Big Horn im Jahre 1876, als die Indianer General Custers Armee vernichtend schlugen. Das war eine der schlimmsten Niederlagen des US-Militärs während der Indianerkriege. Auf der Modellplatte von Peter Steinacker leben die Indianerstämme im Westen Amerikas noch weitgehend ungestört, lässt er sie mit dem Kanu den Fluss entlang fahren, Büffelfelle im Indianerlager bearbeiten, Wildpferde einfangen, Kranke und Kinder mit Pferdeschleppen transportieren, ihre Toten in Bäumen bestatten oder Rat am Lagerfeuer abhalten. Einige Weiße, die sich zu weit vorgewagt hatten bzw. mit den Rothäuten in Konflikt gerieten waren, sind am Marterpfahl gefesselt und harren ihres weiteren Schicksals. Selbst gebaut hat er unter anderem nicht nur das Fort Laramie, sondern auch die Rocky Mountains in die Modelllandschaft eingefügt. "Verwendung fanden dafür trockene, morsche Baumstammreste", verrät er.

Der Sammler hat sein Diorama mit viel Akribie und aufeinander abgestimmten Details gestaltet. Dazu trug zweifelsohne sein erlernter Beruf, Optiker, bei, in dem Präzision und Genauigkeit gefragt sind. Peter Steinacker würde schnell feststellen, wenn jemand eine Figur wegnimmt bzw. sie an einer anderen Stelle platziert. "Ich sammle jetzt auch DDR-Figuren. Einige habe ich schon in meine Ausstellung integriert", verrät Steinacker. Um seinen Figurenbestand zu erweitern, zieht er oft von Trödelmarkt zu Trödelmarkt.

Seit 2004 lebt der Sammler in Berge, fand hier eine neue Lebenspartnerin. Und auch mehr Platz für sein Hobby und die Figurensammlung. Im Keller seiner Leverkusener Wohnung ging es da vergleichsweise eher eng zu. Prof. Wolfgang Vogt aus Pampin, Vorsitzender des Fördervereins Königsmühle Berge, der das Gebäude zu einem überregionalen Anlaufpunkt für ländliche Geschichte und Kultur am Elbe-Müritz-Rundweg machen will, ist begeistert von Steinackers Ausstellung und möchte sie am liebsten in die die Mühle integrieren. Der Sammler hat dagegen seine Bedenken: "Das Verstauben der Figuren ist das größte Problem, abgesehen von möglichen Beschädigungen oder Diebstählen.". Und absaugen gehe nicht, dafür gebe es zu viele winzige Details, die im Sog der Maschine verschwinden würden. Daher wird es auch keine offiziellen Öffnungszeiten in Steinackers Privatmuseum geben.

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