landkreis rostock : Der weite Weg zur Inklusion

Ihren Sohn Clemens nimmt Cornelia Gottwald überall mit hin.
Ihren Sohn Clemens nimmt Cornelia Gottwald überall mit hin.

Cornelia Gottwalds Sohn leidet am Down Syndrom / Die engagierte Mutter kämpft für mehr Akzeptanz der Krankheit in der Gesellschaft

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25. März 2015, 16:00 Uhr

Er kann eine Dreiviertelstunde vor einem Rochen liegen und den Fisch beobachten. Versunken in seiner Welt nimmt Clemens vieles wahr, was andere nicht sehen. Der 14-Jährige hat das Down Syndrom. „Er hat uns von Anfang an sehr bewusst angeschaut und uns angelächelt“, erinnert sich seine Mutter, Cornelia Gottwald. Ihr Sohn sei ehrlich, natürlich, nicht berechnend, eine Frohnatur.

„In unserer Gesellschaft neigen wir dazu, uns abzusichern, alles im Griff haben zu wollen. Aber meine Lebenserfahrung zeigt mir, dass es Dinge gibt, die man nicht beeinflussen kann und das Leben auf den Kopf stellen“, sagt die 51-Jährige, die noch zwei erwachsene Söhne hat. Für sie kam in der Schwangerschaft eine Fruchtwasserpunktion nicht infrage, obwohl sie mit ihren damals 36 Jahren bereits zur Risikogruppe gehört hat. „Wenn man keine Abtreibung möchte, sollte man die Untersuchung auch nicht machen. Man muss es mit sich selbst abmachen“, sagt sie. „Es war eine Überraschung“, räumt die Mitarbeiterin der Tourismuszentrale ein. Ihr Mann habe es damals allen erzählen müssen, da sie selbst nicht dazu in der Lage war. „Jeder fällt erst mal in ein Loch und und fragt sich, wie man das schaffen soll.“

Seit elf Jahren leitet sie eine Gruppe für Eltern, deren Kinder am Down Syndrom leiden. Rund fünfzehn Familien treffen sich regelmäßig an Wochenenden. Darüber hinaus besucht Gottwald auch betroffene Eltern in der Klinik und zu Hause. „Wir müssen erst lernen, mit unserem Kind umzugehen“, sagt sie. Manche Eltern könnten ihr Kind nicht annehmen.

Berührungsängste abzubauen hält sie für sehr wichtig. Das bescheinigte ihr auch die Don-Bosco-Schule, auf die ihr Sohn Clemens geht. Für die nichtbehinderten Kinder und für die Lehrer sei es zwar eine Herausforderung, aber auch bereichernd. Cornelia Gottwald kritisiert, dass geistig Behinderte kaum in normalen Schulen akzeptiert werden. „Alle reden von Inklusion. Das ist noch ein weiter Weg.“ Ihr persönlich war es sehr wichtig, dass Clemens so lange wie möglich Umgang mit gesunden Kindern hat. Dadurch habe er gelernt, sich zu integrieren.

In ihrer Familie sei es üblich, Clemens überall mit hinzunehmen. Alles müsse geplant werden. Inzwischen nehmen sie allerdings auch öfter den familienentlastenden Dienst in Anspruch. Cornelia Gottwald wünscht sich mehr zentrale Stellen für medizinische Hilfsangebote. Die Frühförderstellen seien ein positives Beispiel. Aber sobald das Kind älter sei, stehe man alleine da. „Es ist nicht leicht einen Arzt zu finden, der die hohe Anzahl an notwendigen Rezepten für das Kind verschreibt.“

Es gebe Situationen, da sei auch sie ratlos. Sie müsse viel Geduld aufbringen, was ihr früher nicht so lag. Ihre Mutter habe einmal gesagt, dass sie Clemens bekommen habe, um genau das zu lernen.

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