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Lokales

20. August 2017 | 06:14 Uhr

Auf Spurensuche : Der Neffe des Raketenbauers

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Christoph von Braun erkundet in einer Dokureihe mit Wigald Boning und Fritz Meinecke die Wirkungsstätte seines berühmten Onkels

„Lebensgefahr, betreten verboten“, steht immer wieder in roten Buchstaben auf den Schildern am Straßenrand. Langsam bahnen sich die drei Fahrzeuge ihren Weg durch den Wald. Farne überwuchern die Strecke. Handynetz gibt es hier keins. Alle paar Meter müssen die Autos großen Schlaglöchern ausweichen. Drei Kilometer geht das so, bis zum Prüfstand VII. Dem Ort, von dem aus 1942 die erste Rakete ins All geschossen wurde. Er liegt auf dem Gelände der ehemaligen Heeresversuchsanstalt (HVA) in Peenemünde. Verwildert, unzugänglich. Für Christoph von Braun ein besonderer Ort.

„Ich wollte unbedingt einmal im Leben hierherkommen“, sagt er. Die HVA ist die Wirkungsstätte seines Onkels. Wernher von Braun – dem wohl bekanntesten Wissenschaftler, der im Auftrag der Nazis an den Raketen forschte. Für einen Dokumentarfilm des privaten deutschen Senders „History “ begibt sich von Braun gestern 71 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gemeinsam mit Komiker und Hobbyforscher Wigald Boning sowie dem YouTuber Fritz Meinecke auf die Spuren seines Onkels. Mit Kameras, Tontechnik und einer Drohne ausgestattet geht das Filmteam auf Entdeckungstour.

Hier und da ragen noch ein paar Betonblöcke aus dem meterhohen Gras. Stacheldrahtzaun, ein alter Panzerschrank – nur wenig erinnert noch an die Vergangenheit des Ortes. „Passt auf den Stacheldraht auf“, sagt Regisseur Erik Waechtler, als von Braun, Boning und Meinecke zu den Überresten eines Bunkers gehen. Hier soll sich von Braun bei einem Bombenangriff 1943 versteckt haben. Krater in der Umgebung zeugen noch vom Krieg. Die drei Entdecker rekonstruieren die Umrisse des Gebäudes. Die Kameras halten alles fest.

Während der NS-Zeit war die Anlage eines der modernsten Technologiezentren der Welt und die Kriegswaffenschmiede Nummer eins von Adolf Hitler. Hier schufteten tausende Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge, um die zerstörerischen Fantasien der Nazis zu verwirklichen. Und dennoch gilt die HVA auch als „die Wiege der Raumfahrt“ – ein Verdienst von Wernher von Braun.

„Er war ein brillanter Ingenieur und unglaublich breit, was sein Wissen angeht“, meint Christoph von Braun. Mehrmals habe er seinen Onkel in Amerika besucht. „Er war jedoch kein Erfinder oder Wissenschaftler.“ Vielmehr habe er das vorhandene Wissen und die bekannten Technologien genutzt und zusammengefasst, um die ersten Raketen zu bauen.

„Bei dem Apollo-Projekt musste er 2000 Menschen kontrollieren und gleichzeitig kannte er jede Schraube an der Rakete“, erzählt von Braun. Apollo 11 war die erste bemannte Rakete, die auf dem Mond landete. Christoph von Braun war selbst dabei, als sie 1969 abhob. Damals war er 23 Jahre alt. Noch heute könne er sich erinnern, wie der Boden vibrierte. „Für meinen Onkel war das der Höhepunkt seines Lebens.“

Doch zu welchem Preis? Die entwickelten Technologien von Wernher von Braun brachten nicht nur Fortschritt, sondern auch den Tod. Seine V1- und V2-Raketen forderten viele Menschenleben. Noch heute befinden sich die Startrampen der Raketen auf dem HVA-Gelände. „Über die Anlage haben wir nie gesprochen“, sagt Christoph von Braun. „Zwischen ihm und meinem Vater war es aber schon ein Thema. Mein Onkel sagte, er hätte nichts gewusst von den Machenschaften der Nazis. Ich selbst will nicht urteilen, ob er es hätte wissen müssen“, sagt Christoph von Braun.

Auf dem Weg zum Prüfstand VII erkunden von Braun, Wigald Boning und Fritz Meinecke das alte Büro von Wernher von Braun, den Flugplatz und außerdem das imposante Stromkraftwerk. Spuren gibt es noch reichlich, auch wenn man nach ihnen suchen muss. Welche Entdeckungen die drei machen, ist ab dem 13. November in der Doku-Reihe „Wigald & Fritz – Die Geschichtsjäger“ auf dem Sender „History“ zu sehen.

Dann erreichen die drei den Prüfstand VII. Ein Denkmal erinnert an die Tests. Hier wurden insgesamt 294 A4-Raketen erprobt. „Ich bin froh, dass dieser Ort nicht in Amerika steht“, meint von Braun. „Dort hätten sie sicher schon ein Space-Camp daraus gemacht.“ Inzwischen wächst Gras über den Platz. „Vielleicht ist das gut so. Das Leben geht ja auch weiter.“

 

 

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erstellt am 06.Jul.2016 | 11:45 Uhr

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