Der Milliardenschatz

Museumsleiterin Hannelore Huth mit dem Milliardenschatz. Thorsten Meier
Museumsleiterin Hannelore Huth mit dem Milliardenschatz. Thorsten Meier

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12. Dezember 2010, 07:37 Uhr

Grabow | Im Jahr 1925 wurde auf dem Gelände der Goldleistenfabrik in Grabow das letzte größere Produktionsgebäude errichtet. Wie sich heute zeigt, hielt es jahrzehntelang einen Schatz verborgen. "In diesem Backsteingebäude mit lichten Fenstern waren etwa 70 Jahre lang die Kehlerei, Spritzerei, Grundiererei und Vergolderei untergebracht. Mit Realisierung der neuen Nutzungspläne für den Wohnungsbau für das Gelände, fiel nun auch dieses Bauwerk der Abrissbirne zum Opfer.
Durch die Familie Heinsius, den Gründern der Goldleistenfabrik, wurden wir als Grabower Museum auf die Existenz eines Grundsteins an diesem Gebäude aufmerksam gemacht", erinnert sich Museumsleiterin Hannelore Huth. So sei dann auch in ungefähr einen Meter Höhe über dem Erdboden im zweiten nördlichen Pfeiler ein 40 mal 40 Zentimeter großer Stein mit der Jahreszahl 1925 entdeckt worden. "Der sollte für das städtische Museum gerettet werden. Hinter so einem Grundstein verbirgt sich ja meist mehr. Und die Bagger gingen nicht gerade sanft mit den Mauerresten um. Monatelang war das Gelände unter Staubwolken verborgen. Die Arbeiter der Abrissfirma wollten jedoch Acht geben und Vorsicht walten lassen, als man ihnen das Anliegen vortrug", berichtet die Leiterin weiter. Und tatsächlich sei es gelungen, den Stein fast ohne Schaden zu bergen und eine dahinter befindliche grüne, dickwandige, verkorkte Flasche dem Museum zu übergeben.

Firma wuchs zu einem der größten Leistenhersteller

"Sie enthielt ein Schreiben von Theodor Heinsius vom 29. Mai 1925 mit Angaben zur Firma, zur damaligen Weltwirtschaftskrise und der damit verbundenen Inflation. Daneben befanden sich Reichsbanknoten im Wert von ehemals über 1,6 Milliarden Mark. Zum Zeitpunkt der Grundsteinlegung war dieses Geld jedoch schon wertloses Papier. Stein und Flascheninhalt sind nun im Museum zu sehen", freut sich Hannelore Huth über diese authentischen Zeitzeugen, die sie retten konnte.

Die Gründung der Grabower Goldleistenfabrik geht zurück auf das Jahr 1866, als der aus Waren (Müritz) stammende Glasermeister Theodor Heinsius (1828-1894) mit Anschaffung der ersten Grundiermaschine in den angemieteten Räumen in der Kirchenstraße den Grundstein für ein rasch wachsendes Geschäftsfeld legte. Bereits wenige Jahre darauf waren die Räume zu klein geworden und am Steindamm 45 (damals am Rande der Stadt) wurde ein Neubau errichtet. Trotz herber Rückschläge, wie der kompletten Zerstörung des erst wenige Jahre alten Wohn- und Fabrikationsgebäudes durch ein Feuer im Jahre 1879, entstand im Laufe der folgenden Jahrzehnte eine weitläufige Produktionsstätte. Baumstämme wurden über die an das Grundstück grenzende Elde angeliefert, fertige Bilderrahmen und Leisten verließen auf der anderen Seite die Fabrik. Über 100 Mitarbeiter waren am Standort dauerhaft beschäftigt. In den 20er Jahren war die Firma zu einem der größten Leistenhersteller Deutschlands gewachsen, lieferte ins In- und Ausland.

Wenige Monate nach Einmarsch der Roten Armee 1945 wurde die Goldleistenfabrik ihres Leiters beraubt. Der in dritter Generation von Dr. Walter Heinsius geführte Betrieb wurde nach dessen Verhaftung und Tod im Lager Fünfeichen durch seine Frau Dr. Dorothea Heinsius und den Prokuristen Robert Markwardt weitergeführt. 1953 wurde die Firma enteignet und bestand als "VEB Plast- und Holzverarbeitung" bis 1990 weiter. Mit der Wiedervereinigung war das Geschäft nur mit einem Kooperationspartner möglich. Aufgrund des schwierigen Marktes wurde der Betrieb Ende 1995 eingestellt. Anstatt in die Arbeitslosigkeit zu gehen, machte sich die Vergolderin Monika Lampert selbstständig und arbeitete für einen lokalen Kundenkreis weiter. Neue Räume wurden in der Berliner Straße 40a gefunden, wo das Unternehmen noch heute ansässig ist und auch nach dem Ende der Goldleistenfabrik dafür sorgt, dass in Grabow immer noch Bilderrahmen hergestellt werden.

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