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Lokales

20. November 2017 | 22:08 Uhr

Der Lebensretter: Ich musste helfen

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erstellt am 06.Okt.2010 | 08:19 Uhr

Rostock/Schwerin | Valentyn Filipenko denkt noch oft über die Vorfälle im vergangenen März nach. Hätte er vielleicht lieber mit seiner Jacke nach den Jungen im Eiswasser angeln sollen? Oder hätte er versuchen sollen, mit ihnen ans andere Ufer zu schwimmen? Wieso waren die Kinder ganz allein draußen? Immer wieder geht Filipenko die Geschehnisse in seinem Kopf durch. Doch am Ende steht die Erkenntnis: Er hat getan, was er konnte. "Für mich ist es, als wenn es erst gestern gewesen wäre", sagt Filipenko. Durch sein schnelles Handeln hat er zumindest ein Leben gerettet. Zu mehr hatte er einfach nicht die Kraft. Für sein mutiges Eingreifen wird Filipenko heute die Rettungsmedaille verliehen.

Am 11. März dieses Jahres hat Filipenko einen Zahnarzttermin. Um 15 Uhr soll er beim Arzt sein, also macht er sich etwa zwanzig Minuten vorher mit seinem Fahrrad auf den Weg. Der 59-Jährige wohnt im Rostocker Stadtteil Groß Klein - eine Plattenbausiedlung, die an die IGA-Parkanlagen grenzt. Obwohl es bereits März ist, schwanken die Temperaturen noch immer zwischen Plus und Minus. Auf seinem Weg muss Filipenko an einem kleinen Teich vorbei. Eine dünne Eisschicht bedeckt das Gewässer. "Ich habe drei Kinder auf dem Eis gesehen. Zwei standen, ein Junge war ins Wasser eingebrochen", sagt Filipenko. "Ich habe nicht lange nachgedacht. Niemand sonst war da. Ich musste den Kindern helfen."

Der gebürtige Ukrainer streift die Jacke ab und lässt sie am Ufer zu Boden fallen. Dann läuft zu den Kindern. Plötzlich rutscht auch der zweite Junge ins Wasser, das Mädchen läuft zum Ufer. Filipenko legt sich aufs Eis und streckt die Hände nach den Kindern aus. Sie greifen zu. Doch lange kann sich der Mann so nicht halten. Er rutscht ebenfalls in das eiskalte Wasser. "Die Kinder haben ihre Hände um meinen Hals gelegt. Sie hatten Angst", so Filipenko. Der Teich ist an dieser Stelle ein wenig tiefer, als Filipenko groß ist. Darum muss er immer wieder unter Wasser tauchen. Dabei versucht er, die Kinder an die Oberfläche zu drücken. So kann sich der sechsjährige David auf das Eis ziehen.

Lange hält Filipenko das kräftezehrende Schwimmen im Eiswasser nicht durch. Nur am Rande bekommt er mit, dass sich am Ufer etwas tut. Die Rettungskräfte treffen ein. Doch dann wird der siebenjährige Dominik, der noch im Wasser kämpft, bewusstlos. "Ich habe ihn verloren", sagt Filipenko. Der Junge muss dabei unter das Eis geraten sein. Die Rettungskräfte, die David und Filipenko ans Ufer bringen und versorgen, finden Dominik erst Minuten später. Für den kleinen Körper ist das zu viel. Zwar versuchen die Ärzte alles, um das Leben den Jungen zu retten, doch am Ende müssen sie sich geschlagen geben.

"Seine Kinder und Enkel können sehr stolz auf ihn sein"

Unter Einsatz seines eigenen Lebens hat Filipenko versucht, die Kinder zu retten. David verdankt dem mutigen Einsatz des 59-Jährigen sein Leben. Für diese selbstlose Tat wird Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) dem Rostocker heute die Rettungsmedaille Mecklenburg-Vorpommerns verleihen. Eine ganz besondere Auszeichnung, auf die Filipenko allerdings gern verzichten würde, bekäme er dafür einen Zaun. Denn der Teich, auf dem die Kinder einbrachen, ist noch immer frei zugänglich. "Und der nächste Winter steht schon vor der Tür", sagt Filipenko. Viel Kinder spielen auf der Grünfläche rund um das Gewässer. Bis wieder etwas passiert, so Filipenko, sei es nur eine Frage der Zeit.

Der Retter fragt sich immer wieder, warum die Kinder allein draußen waren. "Ich habe einen Enkelsohn, der fünf Jahre alt ist. Er bleibt nie allein", sagt der ehemalige Offizier der Roten Armee. Seinen Enkel Denis holt er vom Kindergarten ab. Dann gehen sie zum Sport. "Wir trainieren Judo", so der Opa. Sein Enkel Maxim ist schon elf Jahre alt.

Filipenko ist ein aktiver Mann. Jeden Tag fährt er an die Ostsee oder ans War nowufer, um zu baden. Auch bei eisigen Temperaturen. Das härte ihn ab, sagt er. Wahrscheinlich habe er es auch nur deshalb so lange in dem Teich ausgehalten. Der Notarzt habe ihn damals zwar noch ins Krankenhaus geschickt, doch er konnte gleich wieder nach Hause zu seiner Frau. Seit sieben Jahren sind die beiden nun schon in Deutschland. Aus der Ukraine sind sie hierher gekommen, um ihrem schwer behinderten Sohn die bestmögliche Versorgung gewähren zu können. "Deutschland ist ein gutes Land für mich und meine Familie", sagt Filipenko. "Ich bedanke mich für alles."

Heute bedankt sich das Land auch bei ihm. Ministerpräsident Sellering sagt: "Eine Gesellschaft ist nur lebensfähig und lebenswert mit Menschen, die aufeinander achtgeben und füreinander da sind, wenn es notwendig ist. Ich freue mich, dass es Menschen wie Herrn Filipenko gibt. Seine Kinder und Enkel können sehr stolz auf ihn sein." Nur der Zaun, um den möchte Filipenko noch bitten.

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