Der Kampf mit dem Schnee

Zum Erliegen gekommen: Busse und Bahnen der Rostocker Straßenbahn AG verkehren nicht mehr. Erst Stunden später sind die Straßen und Gleise so weit vom Schnee befreit, dass eine Grundversorgung gewährleistet werden kann. Lautsprecherdurchsagen informieren die Kunden, über die Ausfälle und Verspätungen. Einige Haltestellen können aufgrund von Schneeverwehungen nicht angefahren werden.
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Zum Erliegen gekommen: Busse und Bahnen der Rostocker Straßenbahn AG verkehren nicht mehr. Erst Stunden später sind die Straßen und Gleise so weit vom Schnee befreit, dass eine Grundversorgung gewährleistet werden kann. Lautsprecherdurchsagen informieren die Kunden, über die Ausfälle und Verspätungen. Einige Haltestellen können aufgrund von Schneeverwehungen nicht angefahren werden.

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01. Februar 2010, 06:17 Uhr

Es ist Sonnabend, nichts geht mehr in Rostock. Bis zu 40 Zentimeter Neuschnee legen den Verkehr weitestgehend lahm. Im Radio werden die abgesagten Veranstaltungen aufgezählt: das Fußballspiel zwischen Hansa Rostock und Union Berlin, die Hochzeitsmesse, Tage der offenen Tür und das groß angelegte Sportfest der Rostocker Schulen in der Stadthalle. Wer dennoch den Fuß vor die vereiste Tür setzt, blickt sich erstaunt um. Die Straßen sind keineswegs leer. Überall tummeln sich Menschen, die den strengsten Wintereinbruch seit 1995/1996 in vollen Zügen genießen. Sie trotzen den Windböen und ziehen ihren Einkauf einfach auf Schlitten hinter sich her - zumindest so lange die Supermärkte noch geöffnet haben. Denn Lieferungen wie Mitarbeiter erreichen die Läden nicht, weshalb diese gezwungen sind, die Schotten dicht zu machen. In einigen Fällen aber erst zum Abend hin. Doch davon lassen die Rostocker sich nicht beeindrucken. Dennoch gilt für sie, möglichst in der Nähe des Hauses zu bleiben.

Denn beispielsweise von Schmarl aus in die Innenstadt zu gelangen, ist an diesem Tag mit vielen Hindernissen verbunden. An Fahrradfahren ist überhaupt nicht zu denken. Selbst wenn es bis dahin im warmen und trockenen Keller untergebracht gewesen ist, verhindern die meterhohen Schneeverwehungen draußen diese sportliche Art der Fortbewegung. Es bleibt nichts anderes übrig, als auf Schusters Rappen den Weg zur nächsten Bushaltestelle anzutreten. Vom Autofahren ist nach einem kurzen Blick in die nähere Umgebung Abstand zu nehmen. Mit Sicherheit stößt man schon nach wenigen Metern auf ein liegengebliebenes Fahrzeug, das auf die Hilfe von Passanten angewiesen ist, um wieder frei zu kommen - nur um sich wenige Minuten später höchstwahrscheinlich in der gleichen Situation wiederzufinden.

Dennoch sind auf den Straßen noch vereinzelt Autos unterwegs. "Die sind doch verrückt. Auto fahren sollte man heute nur, wenn es um Leben oder Tod geht", sagt Rentner Bruno Kopp, der gerade den kleinen Aufgang zu seinem Wohnblock mit Schaufel und Besen vom Schnee befreit. "Das mache ich freiwillig und gerne, damit die Bewohner wenigstens mal raus können." Ihn erinnere der Winter an die Jahre 1978/79. "Damals sah das genauso aus, nur dass auch der Strom ausgefallen war. Das war noch schlimmer", sagt der 69-Jährige. Seine Hilfsbereitschaft teilen viele Rostocker. Ohne Aufforderung springen sie feststeckenden Autofahrern zur Seite und schieben an. "Wie viele sich gegenseitig helfen und miteinander reden, das ist toll", sagt eine ältere Frau. Auch sie ist ganz beeindruckt von dem Trubel im kalten Weiß.

An der Bushaltestelle dagegen ist der Betrieb eingestellt, der für 13.25 Uhr angekündigte Wagen kommt einfach nicht. Glücklicherweise ist die S-Bahn-Station Rostock-Evershagen gleich nebenan. Dort warten bereits etwa 40 Menschen. Allerdings fährt die S-Bahn nur noch auf einem Gleis, das zweite ist unter dem Schnee überhaupt nicht mehr zu sehen. Für einen Moment keimt Hoffnung auf, als ein Räumdienst-Fahrzeug der Deutschen Bahn an der Straße hält. Doch der Mitarbeiter sieht sich nur kurz um und fährt dann wieder ab. "Achten Sie auf die Durchsage", ist alles, was ihm zu entlocken ist. Die kommt dann auch wenig später: "Meine Damen und Herren, bitte beachten Sie, wegen der Wetterverhältnisse kommt es zu eingeschränktem Bahnverkehr." Den nächsten Zug in Richtung Warnemünde kündigt die Frauenstimme aus dem Lautsprecher für 13.35 Uhr an. 13.38 Uhr ist er dann da und die Hälfte der Wartenden steigt ein. Die andere Hälfte muss ausharren, bis der Zug aus dem "Endbahnhof" Warnemünde Werft Richtung Hauptbahnhof zurückkommt. "So was unfähiges. Das ist doch kein Winter - 78 war ein Winter", sagt ein Rentner, der dem Bahnhof mit seiner Frau gleich wieder den Rücken kehrt. Die Übrigen vertreiben sich die Zeit unter anderem damit, einem kleinen Räumfahrzeug zuzusehen, das sich in den eisigen Massen immer wieder festfährt. "So viel Schnee habe ich noch nie gesehen", sagt die 16-jährige Lisa Wegner und schiebt schnell noch ihre Hoffnung auf Schulausfall heute hinterher: "Die fällt garantiert aus." Laut Bildungsministerium wird daraus allerdings nichts. Geduldig wartet sie, bis die Stimme aus dem Lautsprecher verkündet, dass die nächste Bahn voraussichtlich um 14.12 Uhr in Evershagen halten wird. Um 14.12 Uhr verschiebt sich die Ankunftszeit um vier Minuten. Fünf Minuten später ist die Bahn endlich da und der Fahrt in die Innenstadt steht außer dem ausgesetzten Bus- und Straßenbahnverkehr nichts mehr im Wege.

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