"Der Dorfgeiger" zurück in Güstrow

<strong>Vermutlich auf </strong>seinem originalen Sockel   steht der 50 Zentimeter hohe Dorfgeiger bis zum 22. August im Ausstellungsforum.
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Vermutlich auf seinem originalen Sockel steht der 50 Zentimeter hohe Dorfgeiger bis zum 22. August im Ausstellungsforum.

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20. Juli 2010, 08:13 Uhr

güstrow | Eine kleine Sensation ist derzeit im Ausstellungsforum der Ernst-Barlach-Gedenkstätte zu betrachten. "Der Dorfgeiger" ist zurück in Güstrow! Die kleine Plastik stellt ein zentrales Werk im Zusammenhang mit der Güstrower Geschichte im Kontext mit der Ausstellung "Schönheit pur." dar. Ist die Geschichte der Bronzeplastik doch ein Spiegelbild des ambivalenten Verhältnisses zwischen Barlach und der Stadt, die sich heute mit seinem Namen als ehrenden Zusatz schmückt. 1914 geschaffen, machte der Künstler die Bronzeplastik der Stadt Güstrow zum Geschenk. Ein Dankeschön an die Stadtoberen, die den schon bekannten Künstler bei der Regelung einer Grundstücksangelegenheit am Inselsee entgegen gekommen war. Fortan fand das Kunstwerk auf einem kleinen Podest vor dem Ratssaal seinen Platz.

Das war 1931, doch nur fünf Jahre blieb der Dorfgeiger im Besitz der Stadt, nachdem Barlachs Kunst von den Nazis als "entartet" diffamierten. Weg musste das "Scheusal", wie ein vermittelnder Anwalt dem systemtreuen Bürgermeister Lemm in einem Kaufgebot schrieb. Für gerade mal 350 Reichsmark war der Güstrower Justizrat Dr. Magnus Knebusch zum Kauf bereit. Für die Plastik war das ein Glück, hatte doch so ein Barlachliebhaber die Möglichkeit genutzt, das Stück über die Nazizeit zu retten und der Nachwelt zu bewahren. Den Erlös steckte die Stadt pikanterweise in die so genannte "Ahnenhalle", die der NS-Oberbürgermeister zum Ruhme des "deutschen Blutes" in der Gertrudenkapelle zu errichten sich anschickte. Ausgerechnet hier wird heute als Teil der Güstrower Barlach-Gedenkstätten des in der NS-Zeit verfemten Künstlers würdig gedacht.

Der Dorfgeiger befindet sich noch heute im Besitz jener Käuferfamilie, die in Süddeutschland lebt, aber anonym bleiben möchte, wie Dr. Volker Probst erklärt. Sie hänge sehr an dem Kunstwerk, das auch zu einem Teil ihrer Geschichte geworden ist. Der Geschäftsführer der Ernst-Barlach-Stiftung ist daher glücklich, dass die Familie das Exemplar als Leihgabe für diese Sonderausstellung zur Verfügung stellte. Vermutlich ist es die erste Rückkehr des Dorfgeigers in seine "Heimatstadt"; es gebe auch keinen Beleg, wann genau die rechtmäßig erworbene Plastik Güstrow verlassen hatte.

Bemühungen in den 1990er-Jahren, den Dorfgeiger an seinen Platz im Rathaus zurückzubekommen, blieben ohne Erfolg. Auch weil die Barlach-Erben damals ihre Zustimmung zu einem Abguss verweigerten, gar mit Klage drohten, wie der damalige Bürgermeister, Hans-Erich Höpner sich erinnert. Die Ernst-Barlach-Stiftung lieh der Stadt quasi als Ersatz für die ursprüngliche Plastik eine andere aus: "Käptn Kornelius" zierte bis zur Sanierung des Rathauses jenen Fleck, ging dann aber wieder in die Stiftung zurück. So ganz aufgeben will Volker Probst die Möglichkeit einer dauerhaften Rückkehr des Dorfgeigers aber nicht. Man sei mit der Eigentümerfamilie in Kontakt. Von einer baldigen Rückkehr sei jedoch sicher nicht auszugehen.

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