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Lokales

22. September 2017 | 06:36 Uhr

Der Bauer und das tote Vieh

vom

svz.de von
erstellt am 14.Okt.2010 | 06:09 Uhr

Demen | Klaus Wohldmann (46) ist verbittert und kampfeslustig: Der Bauer aus Demen verlor vor rund fünf Jahren mehr als 100 Kühe in Baumgarten (Kreis Güstrow). Ursache ist nach seiner Ansicht eine Erkrankung, die Bakterien über Tierkadaver im Futter in die Kühe trugen - so genannter Viszeraler Botulismus. Wohldmann legte sich mit Behörden und Wissenschaftlern an - und verlor. Jetzt fordert er Schadenersatz: gut 200 000 Euro für seine toten Kühe - insgesamt sogar eine Million Euro. Denn auch ein Sohn des Bauern leidet an einer schweren Nervenerkrankung. Die Fachwelt streitet, ob der Botulismus von Tier auf Mensch übertragbar ist. Schützenhilfe glaubt der Bauer ausgerechnet von den Behörden zu bekommen; er forschte in Akten, die Widersprüche im Umgang mit seinem Fall zu Tage bringen.

Sein Unglück begann im Frühjahr 2002: Nach der Überschwemmung von Wiesen an der Warnow - Trinkwassereinzugsgebiet für Rostock - holte er Futter ein. Bald verendeten erste Tiere. Wohldmann hatte schnell die Grassilage im Verdacht. Im Januar 2003 bestätigte ein Labor der Uni Göttingen: "Hochgradige Kontamination des Betriebes mit verschiedenen Typen von Chlostridium botulinum". Diagnose: Viszeraler Botulismus. Eine Erkrankung, die laut Bundesinstitut für Risikobewertung über die Aufnahme von Toxinen (in Kadavern) schwere Schäden an Nerven- und Verdauungssystem auslösen kann.

Behörden warfen Bauer falsches Management vor

Jetzt begann der Kampf des Bauern gegen die Behörden. Denn dass Viszeraler Botulismus alleinige Ursache für Tod und Erkrankung der Kühe sein soll, wiesen diese zurück. Immer wieder las und hörte Wohldmann: kein monokausaler Zusammenhang. Für die Schäden müssten auch Fehler des Landwirtes verantwortlich sein. Tierärzte und Agrarministerium unterstellten "ein Management-Problem" auf dem Hof. Folge: kein Ersatz für seinen Schaden aus Geldtöpfen des Landes, da Botulismus nicht als Seuche anerkannt ist. Er sei ein "Einzelfall". Erst 14 Monate nach dem akuten Auftreten von Erkrankungsymptomen habe er die Erlaubnis erhalten, seine Tiere gegen Botulismus zu impfen. "Das war viel zu spät."

Heute sei er klüger, erklärt Klaus Wohldmann. In seinem Haus in Demen lagert er 20 Ordner, die den Fall detailreich festhalten. Proben seiner Grassilage hat er - tiefgefroren - an einem geheimen Ort deponiert. Der Bauer glaubt nachvollziehen zu können, wie vor allem Mitarbeiter des Agrarministeriums die Sachlage falsch dargestellt hätten.

In einem Schreiben (liegt der Red. vor) teilt das Ministerium am 27. Januar 2004 dem Ministerpräsidenten mit, dass es "insgesamt 21 Betriebe in MV" gebe, die ähnliche Symptome bei den Tieren aufweisen. Ein anderes Schreiben gibt die Verwunderung zur Kenntnis, dass es eine "Häufung der Betriebe in den Landkreisen Nordwestmecklenburg und Güstrow" gebe. Dies liege wohl an der Arbeitsweise der dortigen Amtstierärzte, orakelte man im Ministerium. Ein weiteres Schreiben enthält die Forderung an Amtstierärzte in Kreisen, Vorgehensweise und Sanktionen gegen betroffene Landwirte aufzulisten. Einzelfall Wohldmann?

Eine Statistik des Chlostridiencenters Göttingen hielt bereits 2003 die bekannten Fälles des Botulismus fest: seit 1995 deutschlandweit 1268 bei Tierbeständen, 41 bei Menschen. Wohldmann an die Adresse des Ministeriums: "Die wussten das die ganze Zeit." Dass er mit seinem Problem nicht allein war, erfuhr der Bauer aber erst, als er anfing zu recherchieren. "Das ist ungeheuerlich", schimpft Klaus Wohldmann. Er liest interne Unterlagen von Agrarministerium und Tierärzten. Dort wird er u.a. als "Wichtigtuer und Schreihals" bezeichnet.

Während das Land den Botulismus-Fall 2004 in der Öffentlichkeit kleinredete, schrieb Agraminister Till Backhaus (2.2.2004) an die Bundesministerin Künast. Er bat um Hilfe und darum, beim Botulismus "Diagnose und Nachweismöglichkeiten zu verbessern". Zudem regte Backhaus ein Forschungsprojekt an. Im April 2004 gab es Antwort aus Berlin: keine Hilfe, "kein monokausaler Zusammenhang".

Für Klaus Wohldmann sind diese Papiere Beleg eine Doppelzüngigkeit in der Landesregierung: nach unten Problem negieren, nach oben Lösungen fordern. "Wir werden das Land verklagen", erklärt der Landwirt, der jetzt mit seiner Familie in Demen bei Schwerin wohnt. Die Klage werde drei Säulen haben, sagt Anwalt Eberhard Grabow: wirtschaftlicher Schaden auf dem Hof, Gesundheitszustand des Sohnes, Betreuungsaufwand für den Sohn.

Sohn des Bauern kam behindert auf die Welt

Blickt Klaus Wohldmann auf seinen Sohn Marten, ist er den Tränen nahe. Martens Mutter war schwanger, als die ersten Krankheitsfälle auf dem Hof auftauchten. Der Junge kam schwerstbehindert zur Welt. Noch heute, im Alter von sieben Jahren, könne er nicht sprechen. Aber: Einen offiziellen Beleg, dass die Krankheit sich von Tier auf Mensch übertragen hat, gebe es bis heute nicht. Heute habe der Sohn die Pflegestufe II, müsse rund um die Uhr betreut werden. Die Symptome erinnerten ihn immer wieder an seine verendeten Tiere, erklärt Bauer Wohldmann, z.B. die schief gestellten Augen. 2004 bekam die Familie übrigens noch einen Sohn. Der sei isoliert vom Hof aufgezogen worden - ohne Muttermilch. "Er hat gar nichts", so Wohldmann, der selbst mit Symptomen im Krankenhaus gelegen habe.

Das Agrarministerium sieht nach wie vor keinen Beweis für Botulismus als Ursache des Rinderersterbens in Baumgarten. Die Krankheit zähle "weder zu den anzeigenpflichtigen Tierseuchen, noch zu den meldepflichtigen Tiersprankheiten", erklärte gestern Sprecherin Marion Zinke. Folge: "Keine vollständigen Statistiken." Bis heute seien MV-weit "32 klinisch verdächtige Bestände bekannt geworden". An Klaus Wohldmanns Anwalt erging im Juli die Antwort: Nach einer erneuten Prüfung gelte weiter die Auffassung, "dass weiterhin kein Nachweis eines direkten monokausalen Zusammenhangs zwischen der Aufnahme von Clostridium botulinum und der Erkrankung des Rinderbestandes geführt werden konnte".

Wissenschaftler bestätigen dagegen: Botulismus sei übertragbar auf den Menschen. "Wir konnten auf mehreren Höfen mit chronischem Rinderbotulismus nachweisen, dass auch Mitarbeiter an chronischem Botulismus leiden können", erklärt Dirk Dressler, Neurologie-Professor an der Medical School in Hannover. "Wir haben bislang bei vier Höfen dieses Phänomen gesehen."

Die Zeit dränge. "Wir wissen aktuell von sechs betroffenen Menschen", erklärt Dr. Frank Gessler von Miprolab Göttingen, einem Labor. Dabei handele es sich um Menschen, die im ständigen Kontakt mit erkrankten Tiere standen. Schwerpunkte von Botulismus bei Rindern seien derzeit Schleswig-Holstein und Sachsen. Weitere Forschung sei unbedingt nötig. Gessler: "Für die betroffenen Betriebe ist es ein Alptraum."

Prof. Helge Böhnel von der Uni Göttingen, der seit Jahren zu Botulismus forscht, mischte sich 2004 in die Debatte Wohldmann ein - und korrigierte die Leiterin des Gesundheitsamtes im Kreis Güstrow: "Wir wissen von fünf Landwirtsfamilien mit gesundheitlichen Problemen, die mit Botulismus auf den jeweiligen Höfen in Zusammenhang gebracht werden können."

Klaus Wohldmann hat jetzt die "Interessengemeinschaft Botulismus und Clostridiose betroffener Tier- und Landbesitzer" gegründet. Die 14 Mitglieder träfen sich regelmäßig oder tauschten sich im Internet aus (www.botulismus.org). Heinrich Strohsal aus Hohenaspe bei Hamburg berichtet, wie er rund 1000 Kühe durch Botulismus verloren habe. Es sei auch "die Übertragung auf den Menschen, nach dem Krankenhausaufenthalt einiger Familienmitglieder, die ständig mit dem Seuchenbestand in Kontakt waren, bestätigt" worden.

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