Der Alptraum der Grenzer

Ingo und Holger  Bethke narrten die Grenzer der DDR gleich mehrfach.
Ingo und Holger Bethke narrten die Grenzer der DDR gleich mehrfach.

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12. August 2011, 07:06 Uhr

Berlin | Dunkel war es am Ufer der Elbe. Ein Mann schlich durch das Unterholz, immer darum bemüht, kein Aufsehen zu erregen. Den Fluss konnten er schon hören, den Metallzaun hatte er mit einem Bolzenschneider durchschnitten. Jetzt noch das Minenfeld, dann konnte er die Luftmatratze zu Wasser lassen.

Wo die Minen lagen, das wusste Ingo Bethke. Im Zick-Zack schlich er um sie herum. Jeder Meter war ihm vertraut an diesem Abschnitt der innerdeutschen Grenze. Seinen Wehrdienst hatte er hier geleistet, bei der Kompanie der Grenztruppen in Grabow. Für DDR-Verhältnisse kam Bethge aus gutem Haus: Seine Eltern waren hohe Funktionäre im Innenministerium, und hatten den Sozialismus in Ostdeutschland mit aufgebaut. Bei ihm selbst war das anders: Ingo Bethke wollte die Welt sehen, wollte Reisen, wollte frei sein. "In der DDR musste man immer mit den Wölfen heulen - das wollte ich nicht." Mit einem Leihwagen war er zum alten Grenzabschnitt gefahren. Im Gepäck die schlaffe Luftmatratze. Am Ufer angekommen, blies er sie auf. Jetzt musste es schnell gehen. Und kraftvoll. Denn die Streifenboote der DDR-Grenztruppen hatten 120 PS-Motoren. "Aber als ich da auf der Luftmatratze saß und paddelte, dachte ich im Prinzip an nichts - ich wollte nur weiter." Doch Ingo Bethke war erfolgreich - zum ersten, aber nicht zum letzten Mal. Mit seiner Luftmatratze war er aus der DDR geflohen, schickte seinen Eltern und den beiden Brüdern eine Postkarte. Ingo Bethke sollte zum Schrecken der DDR-Grenztruppen werden. Denn die Flucht über die Elbe war nicht das letzte Mal, dass die Sperranlagen überwand. "Für meine Eltern war ich jahrelang ein Verbrecher und ein Staatsfeind", sagte Bethke. Doch auch sein jüngerer Bruder Holger wollte die DDR verlassen.

Die Brüder ersannen einen Plan. Vom Dach eines Ostberliner Mietshauses aus schoss Holger Bethke eine Angelschnur über die Berliner Mauer. Auf der anderen Seite wartete sein Bruder Ingo. Über ein Funkgerät, dass die im Westen lebende Großmutter eines Freundes zuvor in einer Spaghetti-Packung nach Ost-Berlin geschmuggelt hatte, hielt man Kontakt.

Flucht mit Ultraleichtflugzeug

Die Helfer im Westen befestigten das Stahlseil an der Stoßstange ihres Autos, ziehen es straff. Dann stürzte sich Holger Bethke vom Dach. Eine Rolle hielt ihn am Stahlseil fest, hoch über dem Wachturm ging es in den Westen. Auch sein Freund kommt mit. Die Flucht gelingt. Niemand bemerkte etwas. "Ich wusste, dass die Grenzer während ihres Dienstes überall hinguckten, nur nicht nach oben", sagt Ingo Bethke heute. Ein Prinzip, dass den Brüdern Bethke auch bei ihrem dritten Husarenstück behilflich sein sollte. Denn noch lebte ein Bruder, Egbert, in der DDR. Über Freunde, die nach Ost-Berlin fuhren, erfuhren sie, dass auch er zur Flucht bereit war. Und Ingo Bethke hatte wieder einen Plan.

In der Bundesrepublik macht der Fluchthelfer den Pilotenschein, für Ultraleichtflugzeuge. "Die haben heute nur eine sehr geringe Strecke, die sie zum Start benötigen", sagt Bethke. Doch um diese Flugzeuge nach Berlin (West) zu bekommen, mussten sich die Brüder etwas einfallen lassen. Denn die Stadt stand unter dem Viermächtestatus der Alliierten. Und dazu gehörte, dass es Deutschen strikt verboten war, Flugzeuge zu fliegen. "Wir haben dann gesagt, dass wir die Flugzeuge auf einer Ausstellung zeigen wollten", sagte Bethke. Mit einem LKW brachten sie zwei Ultraleichtflugzeuge nach Berlin, auf einem Sportplatz in Berlin-Neukölln bauten sie die Maschinen zusammen. Sie hatten ein gefälschtes amerikanisches Kennzeichen, auch das sollte die Grenzsoldaten abschrecken, zu schießen. Denn anders als den Deutschen war es den Westalliierten erlaubt, mit ihren Fluggeräten über Ost-Berlin zu fliegen.

In 300 Meter Höhe flogen die Fluchthelfer über die Mauer. "Natürlich hatten wir Angst davor, dass sie auf uns schießen", sagt Ingo Bethge. "Aber die größte Angst war, dass der Motor ausfällt, oder wir nicht heil herunterkommen - wir hatten ja nur wenige Flugstunden." Doch die waghalsige Aktion gelingt. Die tollkühnen Piloten sammeln ihren kleinen Bruder und einen weiteren Freund auf, landen spektakulär auf einer Wiese vor dem Reichstag. Ihre Eltern haben die Brüder Bethke erst nach vielen Jahren wiedergesehen: 1989, als die Mauer fiel. "Es waren lange Gespräche, die wir miteinander hatten", sagte Ingo. "Aber irgendwie, glaube ich, haben sie verstanden, was uns damals angetrieben hat."

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