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Lokales

23. September 2017 | 00:16 Uhr

Dechow mit "Sechser im Lotto"

vom

svz.de von
erstellt am 27.Okt.2010 | 07:17 Uhr

Dechow | Es ist geschafft. Die kleine Gemeinde Dechow bekommt die erste selbstständige Bio-Molkerei in Mecklenburg-Vorpommern. Investor ist die Gläserne Meierei GmbH, die in Upahl ihren Sitz hat. Dort lässt sie bisher ihre Biomilch von der Molkerei Hansa-Milch verarbeiten. 15 Millionen Euro will die Gläserne Meierei GmbH in dem kleinen Ort am Röggeliner See investieren. Produktionsstart soll in zwei Jahren sein.

Somit kommen künftig Frischmilch, Käse und Joghurt aus Dechow. "Wir haben im nördlichen Bereich Schleswig-Holsteins und auch Mecklenburgs eine große Anzahl von Biolandwirten und wir möchten die Milch aus dieser Region mittelfristig hier an einem neuen Standort verarbeiten", sagt Geschäftsführer Hubert Böhmann.

Das Unternehmen betreibt bereits eine "Gläserne Molkerei" in Münchehofe im Spreewald - die erste in den neuen Bundesländern. Gläsern deswegen, weil Besucher hinter großen Glasscheiben die Produktion verfolgen können. Ähnliches ist auch in Dechow geplant. Insgesamt will Böhmann für Biomolkerei, Hofladen, Spielplatz, Schauweiden und Bistro bis zu 15 Millionen Euro in Dechow investieren. Böhmann: "Bei dem geplanten Produktionsprogramm gehen wir von etwa 40 Mitarbeitern aus." Spätestens in zwei Jahren soll produziert werden.

Nach einigem Hin und Her sei der Vertrag zwischen Investor und den Besitzern des ehemaligen LPG-Hofes inzwischen notariell unterzeichnet, freut sich Dechows Bürgermeister Jürgen Haupt. Nach seinen Angaben sollen die ersten Gebäude bereits im Dezember abgerissen werden. Grundsteinlegung für das 35 Meter breite und 95 Meter lange Gebäude der Biomolkerei könnte im Februar sein.

Die Gemeinde hat bereits grünes Licht gegeben. In der Gemeindevertretersitzung vor einer Woche hat sie eine Änderung des Flächennutzungsplans beschlossen. Jürgen Haupt: "Damit steht dem Bau nichts mehr im Weg." Für Dechows Bürgermeister ist die geplante Molkerei wie ein "Sechser im Lotto." Nach seinen Angaben hänge die Zukunft seiner kleinen Gemeinde mit 220 Einwohnern an dieser Investition. Dechow schreibt seit Jahren rote Zahlen. 65 000 Euro bekomme Dechow in diesem Jahr durch Schlüsselzuweisungen. "Für Schule und Kindergarten geben wir schon 66 000 Euro aus." Amts- und Kreisumlage kosten noch einmal 80 000 Euro. Die einzigen Einnahmen aus Hundesteuer und Grundsteuer betragen rund 10 000 Euro. Allein in diesem Jahr bleibt also ein Minus von rund 70 000 Euro. Bislang, sagt Haupt, konnten wir das nur durch Grundstücksverkäufe überbrücken. Allerdings bekomme die Gemeinde schon seit zwei Jahren von der Rechtsaufsichtsbehörde zu hören: "Nehmt Kontakt mit einer anderen Gemeinde auf. Ihr seid nicht überlebensfähig." Fusionieren - das möchte die mit einem Altersdurchschnitt von 39 Jahren junge Gemeinde allerdings nicht. Deshalb sei die Investition der Gläsernen Meierei besonders wichtig, sagt Haupt. Vor allem wegen der Gewerbesteuer: Der Jahresumsatz des Unternehmens betrage zwischen 60 und 80 Millionen Euro.

Haupt hofft durch die Biomolkerei auch auf mehr Touristen. Dechow setzt seit Jahren auf sanften Tourismus, hat in einen Radlerpoint mit 30 Betten und verschließbaren Schuppen für Räder investiert. Das Problem: Die Radler sind bislang ferngeblieben. "Leider", sagt Haupt. Ein Grund für ihn: Dechow hat kein Café, nichts. Hier konnten Gäste bislang nicht einmal eine Tasse Kaffee trinken. Durch die Biomolkerei soll sich das ändern. Das Unternehmen will ein Bistro bauen. "Wir versprechen uns dadurch einen Anschub für den Tourismus", sagt Haupt, der vor allem auf Reisebusse und Schulklassen hofft. So wie in Münchehofe im Spreewald. Dort haben in diesem Jahr mehrere Tausend Gäste die Biomolkerei der Firma schon besucht.

Ein weiterer Vorteil für Dechow: Der Investor habe zugesichert, den Weg zum Röggeliner See zu pflegen. Dazu war die klamme Gemeinde bislang nicht in der Lage. Wer zurzeit durch Dechow fährt, sieht große, alte Bäume, einen See, Rosen, die an Straßenlaternen ranken und sanierte Fachwerkhäuser. Schon mehrfach hat sich Dechow an Dorfwettbewerben beteiligt, es aber nie aufs Podest bis ganz oben geschafft. Jürgen Haupt: "Zum ersten Platz hat es nie gereicht, weil diese ehemalige LPG, dieser Schandfleck in der Gemeinde noch existiert." Der Schandfleck befindet sich am Ende des Dorfes - alte Betonplatten, und zerfallene Stallgebäude mit Asbestdächern.

Lange Zeit war unklar, ob der Investor Dechow tatsächlich den Zuschlag gibt. Favorit unter den sechs möglichen Standorten sei die kleine Gemeinde zwar immer gewesen. Allerdings konnten sich Böhmann und die Grundstückseigentümer lange Zeit nicht über den Kaufpreis für das sechs Hektar große Gelände einigen. Das gehört der bäuerlichen Betriebsgesellschaft Dechow und der Milchproduktion Molzahn. Beide Geschäftsführer witterten offenbar das große Geschäft, vermutete Bürgermeister Haupt. Er hatte ihnen deshalb sogar Konsequenzen angedroht. "Wenn ihr uns den Investor vertreibt, dann gibt es Nachteile für euch." Haupt selbst ist Verpächter von rund sieben Hektar und wollte als erstes seine Pachtverträge aufkündigen, wenn es zu keinem Vertrag gekommen wäre. Doch das ist Schnee von gestern. Dirk Schöne, Geschäftsführer der Milchproduktion Groß Molzahn, sagt: "Es ist für beide Seiten ein gutes Geschäft geworden."

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