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Lokales

24. September 2017 | 05:24 Uhr

"Das vergessene Kind" in der Südstadt

vom

svz.de von
erstellt am 21.Okt.2010 | 06:47 Uhr

Güstrow | Der Güstrower Henry K. und seine Frau* können es immer noch nicht begreifen, was sie Sonntag erlebten. Sie entdeckten gegen 19 Uhr in der Südstadt ein weinendes Kind mit zwei großen Beuteln mit Spielzeug und unter jedem Arm ein Ball. Sie schätzten es auf fünf bis sechs Jahre. Das Kind rief nach der Mutti, aber die war weit und breit nicht zu sehen. Familie K. fand heraus, wo das Kind wohnt, brachte es in das Haus. Es ging in den fünften Stock, sollte auf die Mutter warten. Sie sorgten sich aber zu Hause weiter um das Kind. Henry K. ging deshalb noch einmal vor die Haustür - und hörte wieder das Weinen. Er entdeckte das gleiche Kind, wieder mit den Beuteln und den Bällen. Er nannte es "das vergessene Kind". Es war inzwischen 20 Uhr. Henry K. rief die 110. Die Polizei kam schnell.

Hans-Joachim Kracht, Leiter des Polizeireviers Güstrow: "Die Beamten suchten die Mutter und trafen die Tante, bei der die Mutter zu Besuch war. Die Tante war auf der Suche nach dem Jungen. Der Junge wurde der Mutter übergeben. Sie wurde belehrt, ihrer Sorgepflicht nachzukommen. Das Jugendamt wurde wie immer in solchen Fällen informiert." Kracht teilte weiter mit, dass die Beamten bei der Suche erfuhren, dass die Mutter nicht zum ersten Mal ihrer Aufsichtspflicht nicht nachgekommen sein soll.

Rainer Becker, Vorsitzender des Landesverbandes der Deutschen Kinderhilfe, lobt die Reaktion des Ehepaares. "Man stelle sich nur vor, wie hilflos das Kind gewesen sein oder wie ausgestoßen und verlassen es sich gefühlt haben muss", so Becker. Das sei fast wie Körperverletzung, meint der Kinderschutz-Experte. Er grenzt diesen Fall aber trotzdem ein, betrachtet ihn nicht gleich als strafbare Handlung. Verfolgt werden müsse das aber, Motto "Wehret den Anfängen!" Für Becker ist jetzt wichtig, wie weiter verfahren wird und wie die Interventionskette, die in Gang gesetzt wurde, verfolgt wird. Hier sei vor allem das Jugendamt gefragt.

Im Jugendamt sei die Information der Polizei eingegangen, bestätigt Petra Zühlsdorf-Böhm. Bereits Montag sei das Amt tätig geworden und werde weitere Entscheidungen treffen. Nähere Aussagen könne sie aus datenrechtlichen Gründen über den Fall aber nicht machen, so die Kreissprecherin.

Dass das Thema weiter brisant ist, belegen auch Zahlen bzw. Erkenntnisse, die statistisch aber nicht belegt werden. So seien bei der Polizei, so Becker, 2004 im Land 51 Verletzungen der Fürsorge- und Erziehungspflicht und 56 Misshandlungen bei Kindern angezeigt worden. 2007 waren es 43 bzw. 62 und 2008, als nach dem Fall Lea-Sophie die Kinderschutz-Hotline geschaltet wurde, 75 bzw. 95. 2009 registrierte die Statistik 67 bzw. 108 Fälle. Das Problem wird noch deutlicher, wenn man die um ein Vielfaches höhere Zahl bei den Jugendämtern kennt und die Dunkelziffer auf das 50- bis 100-fache ansetze, so Becker. Besonders gefährlich sei dabei, dass sich die Zahl bei der Misshandlung von Null- bis Dreijährigen verdoppelt habe, weiß er. Daher sei man bei dem Thema "längst nicht durch".

Becker bestärken diese aktuelle Begebenheit und die Zahlen, dass der Fürsorge- und Erziehungspflicht weiter große Aufmerksamkeit gewidmet werden muss. Deshalb findet am 2. Dezember in Güstrow auch die 4. Landeskinderschutzkonferenz statt. Akteure aus Bildung, Justiz und Jugendhilfe werden zu Entwicklungen im Kinderschutz Informationen und Anregungen für die Praxis erhalten. Becker: "Es stehen nach wie vor Forderungen im Raum, die nicht erfüllt werden: einheitliche Standards in den Jugendämtern im Land, obligatorische und nicht nach Ermessen stattfindende Hausbesuche der Jugendämter sowie gesetzlich festgelegte Meldepflichten durch Kitas, Schulen oder Ärzte."

* Name geändert und der Redaktion bekannt

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