"Das Kapitel Werft ist abgeschlossen"

<strong>Ein letztes Mal am Werfttor in Wismar: </strong>Jörg Hohmann muss sich nach 33 Jahren einen neuen Job suchen. <foto>Torsten roth</foto>
Ein letztes Mal am Werfttor in Wismar: Jörg Hohmann muss sich nach 33 Jahren einen neuen Job suchen. Torsten roth

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28. Juli 2010, 08:02 Uhr

Wismar | Das wars: 33 Jahre ging er durch dieses Werfttor. "Dort hab ich gearbeitet", sagt Jörg Hohmann und blickt gestern noch einmal auf die Halle 30 der Nordic Werft in Wismar - als Lehrling, später als Schweißer in einem der modernsten Schiffbauunternehmen Europas. Mehr als 900 Frachter, Fähren, Tanker, Kreuzfahrer haben Werftler in Wismar und Warnemünde seit den 50er-Jahren zu Wasser gelassen. "Jeder Stapellauf, das machte einen stolz", erinnert sich der 51-Jährige. "Und alle dachten wir, das geht so weiter." Trugschluss: Nach 64 Jahren ist damit vorerst Schluss. Mit dem endgültigen Ende der Transfergesellschaft am 31. Juli bleibt Hohmann, 500 anderen Kollegen in Wismar und 800 in Warnemünde ein Jahr nach der Pleite der Wadan-Werften ab kommendem Montag nur der Weg zur Arbeitsagentur - Krise auf dem Arbeitsmarkt. In der Region Wismar wird die Zahl der Arbeitslosen und Hartz-IV-Empfänger schlagartig um zehn Prozent auf 5500 steigen.

An der Küste geht ein Stück Schiffbaugeschichte zu Ende. "Das war mein Leben", sagt Hohmann: "Nicht vorstellbar, dass wir je in diese Situation kommen." Seit Anfang Juli werden zwar in Wismar die ersten Stahlteile für einen neuen eisbrechenden Tanker für Russland zugeschnitten. Ob das Schiff und damit überhaupt jemals wieder ein Frachter das Dock in Wismar verlassen wird, bleibt offen - Finanzierung ungeklärt. Seit langem verspreche Werfteigner Witali Jussufow Neubauaufträge, komplett finanziert ist bis heute keiner. Auf die Zusagen "kann man nichts mehr geben", ärgert sich Hohmann über die monatelange Hinhaltetaktik und darüber, dass jetzt tausende Schiffbauer die Managementfehler der Vergangenheit ausbaden müssen. Containerschiffe im Monatstakt: "Wären wir eher in den Spezialschiffbau eingestiegen, hätte uns die Krise nicht so erwischt." Ein Jahr Hoffen und Bangen am Werfttor: "Ich brauchte Monate, um zu verstehen, dass jetzt Schluss sein soll", erklärt der Schiffbauer. "Jetzt ist das Kapitel für mich abgeschlossen." Das Ende zwingt Hohmann und die anderen 500 Schiffbauer in Wismar zum Neuanfang - Jobsuche außerhalb der Schiffbauhalle.

Die Chancen stehen gar nicht schlecht: Schweißer, Monteure, Stahlbauer, Rohrschlosser, Elektriker - die Stellenangebote, die die 14 Zeitarbeitsfirmen gestern bei der zweiten Arbeitsmarktbörse in Wismar präsentierten, lassen hoffen. Zwölf Monate hatten zuvor an beiden Standorten bis zu 2300 der einst 2400 Beschäftigten in Transfergesellschaften die Krisenmonate überbrückt, finanziert u. a. mit 20 Millionen Euro vom Land. Etwa die Hälfte habe eine neuen Job gefunden, bilanzierte der Chef der Transfergesellschaft, Oliver Fieber. Ab August seien 600 Mitarbeiter mit unbefristeten Verträgen auf der Nordic-Werft in Wismar, 100 in Warnemünde beschäftigt, teilte Werftsprecherin Tina Mentner mit. 100 weitere Kollegen erhielten in Wismar befristete Verträge. Trotzdem: 1300 Schiffbauer gehen leer aus.

Andrang an den Bewerbertischen während der Arbeitsmarktbörse: Jobangebote zuhauf. Und doch kommt bei den Männern Frust auf - über deutlich geringere Stundenlöhne als bisher auf den Werften üblich. Doch ihnen bleibt kaum eine andere Wahl. 500 arbeitslose Werftarbeiter in Wismar, "die sind in der Region nicht unterzubringen", weiß Edgar Macke von der Arbeitsagentur. Allerdings: Mobilität und reduzierte Lohnvorstellungen vorausgesetzt, "dann gibt es auch Arbeit", weiß Macke.

Die Einsicht reift: Immer mehr Schiffbauern werde klar, vor der Haustür gibt es keine Jobs, beobachtete Peter Ribbecke, Regionalchef der Stegmann Personaldienstleistungen Rostock. "Eine andere Alternative gibt es nicht."

Das weiß auch Jörg Hohmann: "Ohne Abstriche wird es nicht gehen. Von dem Geld, was wir auf der Werft verdient haben, müssen wir uns wohl verabschieden", meint der Schiffbauer und erzählt von einer ersten Absage nach einer Bewerbung bei einer Zeitarbeitsfirma in Berlin. Und doch bleibt er zuversichtlich: "Ich werde schon wieder einen Job bekommen."

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