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Lokales

20. November 2017 | 03:30 Uhr

Kulturhaus Mestlin : „Das Gute und das Böse“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Das Kulturhaus Mestlin zeigt in seiner fünften Frühjahrsausstellung Werke von 20 bildenden Künstlern aus MV, Brandenburg, Berlin und Hamburg.

Das Bild des blauen Himmels ist klein. Ein blauer Ausschnitt, jedoch nicht klein genug, um die Spitze des Windradflügels zu übersehen, die sich hineinschiebt. „Der verstellte Blick“ – so hat Heyko Dobbertin den Zyklus von 18 Bildern genannt. Er entstand zwischen 2005 und 2015 und macht die Windräder vor der eigenen Haustür zum Thema der künstlerischen Auseinandersetzung.

Nachhaltigkeit ist das übergreifende Thema der fünften Kunstlandschaft, der diesjährigen Frühjahrsausstellung im Kulturhaus Mestlin. Der Titel „Das Gute und das Böse“ zeigt, wohin die Reise geht: geradewegs hinein in den Zwiespalt und die Widersprüche, die sich aus dem Anspruch ergeben. Die regenerative Windenergie, die keiner sehen möchte, weil Anlagen Kirchtürme überragen und mit Lärm und Lichtreflexionen nerven. Die Annehmlichkeiten des modernen Lebens und die Schwierigkeit, bescheiden zu sein. Der Ausverkauf von Werten, die Ökologie als Spaßbremse und eine Natur, die Kopf steht.

20 bildende Künstler aus Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, Berlin und Hamburg haben sich dem Thema mit verschiedenen Mitteln genähert. Installation und Malerei, Grafik, Collage und Skulptur, Fotografie und Videokunst bilden eine Ausstellung, die berührt, provoziert, das Kopfkino ankurbelt. Für Kurator André van Uehm liegt genau hier der Reiz der Schau: „Wir sind keine Galerie, sondern ein Kulturhaus“, sagt er, was heißen soll, dass hier allein in der Ästhetik kein Ausstellungszweck liegt.

Sehr deutlich wird das in der einstigen Bibliothek. In dem fast kahlen Raum beleuchten die grellen Neonröhren, die noch die Inventarnummern der Stadt- und Kreisbücherei Parchim tragen, schonungslos ein großes Plastikzelt. Seine Plane entspricht der Größe der Plastikbahnen, die im Magen eines vor der spanischen Küste verendeten Pottwals gefunden wurden. Daneben zeigt eine Reihe von Kerzen, dass es keiner weiten Reise bedarf, um Spuren der Vermüllung der Meere zu finden: Die Künstlerin Swaantje Güntzel hat sie aus Paraffin-Klumpen gegossen, die an der Küste Rügens angespült wurden.

In einem anderen Raum hat der Künstler Volkmar Förster einen Plastiktrichter aus Lebensmittelverpackungen geschaffen – ein Strudel des Wohlstandsmülls, der mit Plastikpartikeln in der Nahrung auf den Tisch zurückkehrt. Das „täglich Brot“ – längst nicht mehr unschuldig und rein.

Was bleibt, wenn nichts bleibt? „Wälder“ heißt eine Installation des Hamburgers Jan Philip Scheibe, die im kalten blauen Neonlicht eines gefliesten Raumes erschreckt.

Der sichtbare Verfall des Kulturhauses Mestlin wirkt bei vielen Arbeiten wie ein Katalysator. Haus und Kunst in einer Symbiose wie bei Jorinde Gustavs, die aus bedruckten Kissen auf im Kreis gruppierten Stühlen ihre Botschaften in die Tafelrunde schickt: „Immer der Gier nach“ und „Wenn Sie alles retten wollen, klicken Sie hier“. Gestickte Trautes-Heim-Glück-Allein-Deckchen verkünden plötzlich Botschaften wie „Welch Wahnsinn trieb sie dort hinein.“

Der Ausstellungsort, der so ein Segen ist, ist aber gleichzeitig auch ein Fluch. „Wir müssen hier um jeden Besucher kämpfen“, sagt André van Uehm, seit 2012 Vorstandsmitglied im Künstlerbund MV. Der Landschaftsfotograf hat dem Projekt auch in diesem Jahr einen großen Teil seiner Freizeit gewidmet – beflügelt von Enthusiasmus, der Lust an der Auseinandersetzung und dem Wunsch, eingefahrene Verhaltensmuster aufzubrechen.

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