Das Auge des Gesetzes arbeitet nun digital

j
1 von 2
j

svz.de von
18. November 2008, 05:24 Uhr

Ludwigslust/Pampow | Wer vom Auto aus die offen aufgestellten Apparate erkennen kann, hat als Bleifuß schon verloren. Gut 50 bis 70 Meter vor der Kamera befindet sich der Messbereich. Vollbremsungen, Ausweichen auf die Gegenspur bringen nichts, zuverlässig löst der daneben stehende Blitzer aus, serienmäßig mit Gittermaske getarnt. Zuvor ist das Auto mehrfach mit einem unsichtbaren Laserstrahl abgetastet worden, hat die Hochleistungskamera sich zwischen mehreren Fotomöglichkeiten entschieden. Wieviele Autos auf der Straße fahren, ist dem leistungsfähigen System ziemlich egal, auch zwei Spuren sind kein Problem. Einen auf der Straße postierten Sensor gibt es nicht, auch keine Lichtschranke. "Poliscan Speed" heißt das Zaubergerät, das da im Namen der Verkehrssicherheit eingesetzt wird. Der Landkreis Ludwigslust nutzt das neue System zwar erst seit einigen Wochen , die Messmannschaften sind von den neuen Möglichkeiten jedoch schon jetzt angetan.

Beamte bewachen nur noch die moderne TechnikEigentlich brauchte man den Messwagen gar nicht, die neue Anlage arbeitet autark. Einmal im richtigen Winkel zur Straße aufgestellt, kalibriert sich das System selbst, misst und archiviert automatisch. Die kleine Festplatte am Gerät fasst locker 1000 Bilder. Dennoch gehört ein Einsatzwagen dazu. Schon, um die Geräte vor Angriffen wütender Autofahrer zu schützen. In dem Wagen sitzen immer zwei Leute, einer von der Verkehrsüberwachung des Landkreises, einer von der Wismarer Firma "Vetro". Dem Unternehmen gehören nämlich die Geräte, der Landkreis Ludwigslust mietet sie nur für die Dauer des Gebrauchs. "Das ist eindeutig preiswerter für uns", erklärt Manfred Sprinz, der erfahrene Chef der kreislichen Überwachungstruppe.

Aktuell gehören 22 Frauen und Männer zu seiner Mannschaft, lediglich fünf sind im ständigen Messeinsatz. Dafür aber auch im rollenden Einsatz, meist von 5 bis 21 Uhr, eine Mittagspause gibt es auch. Zwei Teams sind so täglich im Einsatz, der Rest der Mitarbeiter von Sprinz ist mit der Auswertung der Blitzer ergebnisse voll ausgelastet. Denn obwohl bekannt ist, dass täglich fotografiert wird, fahren sehr viele weiter zu schnell.

Allein in diesem Jahr kamen im Kreis Ludwigslust 4511 verschiedene Messstunden zusammen, bei denen die Geräte 786 134 Fahrzeuge erfassten, in 70 174 Fällen blitzte es, weil die Fahrer zu schnell waren. Sprinz: "Es gibt einfache Regeln bei uns. Wer geblitzt wird, hat mindestens neun Stundenkilometer zuviel auf dem Tacho. Unter 100 km/h ziehen wir als Tolerenz drei Stundenkilometer ab, darüber fünf. Die kleinste Überschreitung, die wir jemanden vorwerfen, liegt folglich bei sechs Stundenkilometern. Nach oben gibt es leider wenig Grenzen, von einem dauerhaften Erziehungseffekt spüren wir zumindest wenig."

Bildübertragung per Funk, Speicherung auf Festplatte Deutlicher zu spüren sind die Zeichen der Modernisierung, für die Überwacher wird die Arbeit leichter. Bei der neuen Laseranlage sitzen die beiden nur noch an einem ganz normalen Laptop, der über W-Lan-Funk, die jeweiligen Bilder von der Kamera gesendet bekommt. Je nach Gelände kann das Auto dabei bis zu 100 Meter vom Messpunkt entfernt sein und lässt sich so vor den Autofahrern gut verstecken. Apropos verstecken oder tarnen. Dazu hat der oberster Messbeamte des Kreises eine klare Meinung "Wir stehen zu 70 Prozent an Unfallschwerpunkten, und wir stellen uns mit unseren Geräten nicht gerade wie auf dem Präsentierteller hin." Das ist ein wenig untertrieben, gerade die Ludwigsluster sind für die fast liebevollen Tarnungen ihrer Geräte bekannt.

Dafür müssen die Mannschaften auf ihre Messeinsätzen mit zwei wichtigen Gegnern rechnen. Der Warnung der Autofahrer über Lichthupe und den Radiodurchsagen. Sprinz: "Meist dauert es nur zehn Minuten nach dem Aufbau, bis die ersten Meldungen kommen, aber kein Radiosender kann behaupten, dass er alle aktuellen Blitzerstellen kennt, und nicht jeder hört Radio."

Auch Radargeräte werden digital umgerüstetBei der Verfolgung zu schneller Autofahrer setzt der Landkreis jedoch nicht nur auf das neue Lasersystem. Auch alte, bewährte Messeinheiten, wie "Traffipax", sind digital umrüstbar. Sprinz: "Die Radarsysteme haben nicht ausgedient, weil sie in gewissen Bereichen leichter einsetzbar sind und sich schlicht bewährt haben. Was kommen wird, ist die digitale Speicherung der Daten. Die Zeiten des Nassfilms in den Kameras sind sicher abgelaufen."

Das gilt auch für die Kameras, die in den berüchtigten Starenkästen stecken. Die stehen in Heiddorf, Neustadt-Glewe, Ortkrug, Vier, Kummer und an der Kreuzung Groß Laasch. Auch hier soll die Digitalisierung Einzug halten. Technisch ist vieles möglich, von einer Online-Überwachung mit Kamera, um die Technik zu schützen bis hin zu einer Direktschaltung zur Polizei. All das kostet aber auch Geld, der Landkreis will da nicht übertreiben. Angriffe auf Starenkästen sind relativ selten und hat es im Landkreis auch einige Jahre nicht gegeben.

"Gegen Motorradfahrer können wir nichts machen"Trotz aller Messtechnik, es gibt auch Bereiche wo das Auge des Gesetzes zumindest trüb bleibt oder gar blind ist. Eine tiefstehende Sonne ist auch für moderne Messeinheiten noch immer ein großes Problem, genau wie Motorradfahrer. "Gegen die können wir mit unsere Methoden eigentlich nichts machen", bekennt Sprinz offen. "Da hilft nur sofortiges Anhalten nach dem Messen, und das ist und bleibt Sache der Polizei. Selbst wenn wir das Kennzeichen des Motorradfahrers ermitteln, kommen wir nicht weiter. Das Visier am Helm ist unten, und wir können nicht beweisen, wer gefahren ist." Für die Männer im Messeinsatz ist das bitter, schließlich gab es schon Fälle, wo Zweiradfahrer mit gut 230 km/h über die Bundesstraße schossen.

Landkreis muss kein Bußgeldsoll erfüllenNein, es gäbe keine Vorgaben vom Kreis, wohl aber einen Haushaltsposten. "Sie können Fehlverhalten nicht planen, wir müssen kein Soll erbringen, auch wenn viele das denken", wehrt Sprinz die übliche Frage ab. Was wenige wissen, nahezu täglich wird der Kreis von vielen geradezu aufgefordert, an der einen oder anderen Stelle, in einer Stadt, einem Dorf zu messen. "Dem kommen wir, wenn es geht, nach. Und die Ergebnisse sind verblüffend. So haben wir vor einigen Tagen angefangen regelmäßig im Boissower Bereich zu messen. Bereits am ersten Tag hagelte es fünf Fahrverbote, die Arbeit geht uns also wirklich nicht aus."

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen