zur Navigation springen

Das Abwasser der Fahrgastschiffe gefährdet die Ostsee

vom

svz.de von
erstellt am 05.Mai.2010 | 08:21 Uhr

Rostock | Mit dem Anlauf der "Aidablu" ist Rostock-Warnemünde in die Kreuzfahrtsaison 2010 gestartet. Viele der Cruiser werden in den kommenden Monaten über die Ostsee schippern. Die Tourismusbranche profitiert. Doch das freudige Ereignis hat auch eine Schattenseite. Denn nach wie vor gibt es keine zufriedenstellenden Regeln darüber, wie Fahrgastschiffe mit ihren Abwässern umzugehen haben. Einen Antrag der Ostseeanrainerstaaten für ein strengeres Reglement wurde von der International Maritime Organization (IMO) vorerst abgelehnt. Die UN-Schifffahrtsorganisation vertagte die Diskussion auf ihre Konferenz im September.

Dr. Günther Nausch vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde sieht Handlungsbedarf: "Etwa sieben Prozent des Welthandels laufen auf der Ostsee ab, die allerdings nur 0,1 Prozent der Gesamtfläche der Weltmeere ausmacht." Dabei seien es nicht die kleineren Wasserfahrzeuge, die Probleme machten. Große Fahrgastschiffe mit ihren Abwassern hingegen können zu einer Gefahr für das Binnenmeer werden. "Die Abwässer sind in erster Linie Nährstoffe und erst durch die sekundären Effekte gefährlich", erklärt Nausch. Auf hoher See - also außerhalb der Zwölf-Seemeilen-Zone - können Schiffe ihre Abwässer im Meer entsorgen. Zuvor werden diese einer Reinigung unterzogen. Die Umweltorganisation World Wide Fund for Nature (WWF) hält diese jedoch für unzureichend.

Deshalb kämpfen die Ostseeanrainer seit Jahren für verschärfte Regelungen für die Abwasserreinigung auf Fähr- und Kreuzfahrtschiffen. Die Helsinki Kommission (Helcom) setzt sich dafür ein, dass die Ostsee als sensibles Seegebiet ausgewiesen wird. Damit einhergehen würden entsprechende Vorgaben für Wasserfahrzeuge. Eine weitere Möglichkeit der Abwasserentsorgung für Fahrgastschiffe ist die im Hafen. Das Problem: Die meisten Häfen sind technisch nicht dafür ausgerüstet, innerhalb weniger Stunden die riesigen Sammeltanks der Kreuzliner und Fähren zu entleeren und das Abwasser abzutransportieren. Allein Helsinki, Kopenhagen und Visby (Schweden) verfügen laut WWF über geeignete Entsorgungsanlagen, die mehr als 20 weiteren Kreuzfahrthäfen nicht.

Im Rostocker Hafen werden die Inhalte der Abwassertanks per Tankwagen oder Barge abtransportiert. Für 1,7 Millionen Euro rüstet die Hafen-Entwicklungsgesellschaft die Liegeplätze bis zum Saisonbeginn 2012 jedoch um. Dann sollen Pumpen und Leitungen die Abwässer der Kreuzliner direkt in die Kanalisation einführen.

Die Rostocker Reederei Aida Cruises fühlt sich dem Schutz der Ostsee besonders verpflichtet. Schließlich ist das Unternehmen Anrainer. "Generell nutzen wir auf unseren Schiffen die beste zurzeit verfügbare Klärtechnologie, um das Abwasser vor der Einleitung zu behandeln", teilt Geschäftsführer Michael Ungerer im Nachhaltigkeitsbericht von Aida Cruises mit. "Für die besonders gefährdete Ostsee unterziehen wir uns darüber hinaus einer freiwilligen Selbstverpflichtung, die auf Initiative des WWF entstand." Diese fordert den Verzicht auf die Einleitung von Abwassern ins Meer oder eben die Klärung auf bestem Niveau der Technik. Auf der "Aidaluna" wird eine Klärung bis annährend zur Trinkwasserqualität gewährleistet.

Nicht nur die Fahrgastschifffahrt, betont Wissenschaftler Nausch, vor allem auch die Entwässerung aus den Einzugsgebieten in die Ostsee macht dem Binnenmeer zu schaffen. Das Gebiet, aus dem potenziell Nährstoffe über Flüsse oder die Atmosphäre in die Ostsee kommen, ist viermal so groß, wie das Gewässer selbst. Nährstoffe, die dem baltischen Meer in großen Mengen gefährlich werden können, kommen aus Betrieben, der Landwirtschaft oder auch Klärwerken. "Wohingegen es bei Klärwerken jedoch einfach ist, punktuell etwas zu tun, ist es in der Landwirtschaft schwieriger. Denn da ist die Quelle diffus, der Sanierungsprozess langwierig", so Nausch.

Die Ostsee ist generell besonders anfällig für Verschmutzung. Das liegt unter anderem daran, dass sie nur schlecht mit frischem Wasser aus der Nordsee versorgt wird. "Die Ostsee ist nicht durchmischt, sondern geschichtet", erklärt der Wissenschaftler. Am Grund enthält das Wasser mehr Salz als an der Oberfläche. Sauerstoff kommt nur über den Austausch mit der Atmosphäre oder durch die Pflanzen in das Brackwasser. Am Meeresgrund ist das Wasser sauerstoffarm. Abgestorbenen Pflanzen oder Tiere werden hier durch Bakterien zersetzt, was wiederum Sauerstoff verbraucht.

Durch die Zufuhr von Nährstoffen wie Stickstoff und Phosphor wird das Wachstum von Algen gefördert. Der Forscher spricht von Eutrophierung, also Überdüngung. Sterben diese kurzlebigen Pflanzen ab, sinken sie zum Meeresgrund, wo sie unter Sauerstoffzehrung zersetzt werden. Durch einen Überschuss an abgestorbenen Substanzen kommt es stellenweise zu einem völligen Verbrauch von Sauerstoff und zur Bildung von Schwefelwasserstoff. So wird die Region für höhere Lebewesen wie Fische, Muscheln oder Krebse zur Todeszone. Sie können hier nicht überleben. Betroffen ist unter anderem der Dorsch, der Bodennähe bevorzugt.

Der Vorgang des Absterbens ganzer Meerregionen ist jedoch nicht unwiderruflich. "Die Ostsee kann sich unter bestimmten Bedingungen erholen", sagt Nausch. Nämlich dann, wenn von der Nordsee her frisches salziges Wasser in das Binnenmeer einströmt. "Das ist in den vergangenen Jahren ausgeblieben", räumt Nausch ein. "Die Ostsee braucht mindestens genauso lange um sich zu erholen, wie sie der hohen Belastung ausgesetzt war." Viel habe sich bereits getan. Von ehemals etwa 160 Brennpunkten konnte mehr als die Hälfte gestrichen werden.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen