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Lokales

16. Dezember 2017 | 15:48 Uhr

Damit Wüstenrosen nicht verwelken

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erstellt am 17.Mai.2010 | 10:10 Uhr

Schwerin | Iman Abu Inaid ist gelernte Programmiererin. "Ich habe das in meiner Heimat studiert und fünf Jahre in dem Beruf gearbeitet", sagt die 38-Jährige. Ihre Heimatstadt heißt Tulkarem und liegt in den Palästinensischen Auto nomiegebieten nahe der Demarkationslinie zu Israel. 55 000 Araber leben dort in den Subtropen, wo die Zitronen blühen. Heute lebt sie in Schwerin, ist hier verheiratet, hat drei Kinder - und beginnt gerade einen Computerkursus. Obwohl sie dabei nur die Grundlagen ihres Fachgebietes lernt, ist sie mit Spaß bei der Sache.

Denn mindestens ebenso wichtig wie der Kursus ist die Gemeinschaft, in der er stattfindet: Jeden Dienstag treffen sich 15 bis 20 ausländische Frauen unter dem Dach der Caritas und unternehmen gemeinsam etwas. Sie kochen, lernen Deutsch, besuchen die Bibliothek, lachen und reden miteinander. Über ihre Kinder, über das Leben in dem neuen Land und die Probleme, die damit verbunden sind. Denn für die meisten ist es nicht so einfach, sich zu integrieren.
Iman Abu Inaid ist eine kluge hochqualifizierte Frau - ohne Chance auf angemessene Arbeit. Sie ist eine glückliche Mutter - mit Aufenthaltsgenehmigung, aber ohne Bleiberecht. Und sie ist eine gläubige Muslima, die ihr Kopftuch mit Stolz trägt. Ein Anblick, der in Schwerin selten ist. "Die Akzeptanz für eine Frau mit Kopftuch ist hier nicht groß", sagt Barbara Eickhorst vom Caritas-Migra tionsdienst. "Es heißt noch viel zu oft: Wer hier leben will, muss sich anpassen." Barbara Eickhorst gründete die Gruppe für ausländische Frauen vor acht Jahren. "Es ist heute einer der schönsten Teile meiner Arbeit", sagt sie. Bei den Familienzusammenführungen kam ihr die Idee, nachdem sie etwas Erschreckendes entdeckt hatte: Als die ausländischen Frauen gerade in Deutschland angekommen waren, sahen sie blühend, schön und strahlend aus. Ein Jahr später wirkten die meisten von ihnen verkümmert, hatten sich zurückgezogen, keine Freunde, keine Außenkontakte. "Viele waren in Depressionen verfallen", sagt Eickhorst. Obwohl alle einen Deutschkurs absolviert hatten, waren auch die Sprachkenntnisse wieder verschwunden - weil sie die neue Sprache nicht benutzten. Beim Dienstagstreff werden deshalb nicht nur die lebenswichtigen Sozialkontakte gepflegt, sondern auch immer Unterhaltungen auf Deutsch geführt. Und vieles andere mehr.
Das neueste Projekt, zu dem auch der Computerkursus gehört, heißt "Wüstenrose". Darin lernen die Frauen mit Migrationshintergrund jetzt die Arbeit mit dem PC. Nach den Sommerferien gibt es Kurse zur Erziehung mit Informationen über die Entwicklung und Bedürfnisse von Kindern sowie über die Anforderungen für die Schulfähigkeit und die Schule. Denn auch Erziehung ist nicht so einfach, wenn frau damit allein gelassen wird. "In ihren Heimatstaaten werden die Kinder meist gemeinsam erzogen von allen Frauen rundherum. Hier sind die jungen Mütter oftmals isoliert und mit dem Nachwuchs völlig überfordert", erzählt Eickhorst. "Statt draußen zu spielen wie in der Heimat, sitzen hier viele Kinder aus Migrantenfamilien vor dem Fernseher."
Die beiden Großen von Iman, fünf und vier Jahre alt, gehen schon in den Kindergarten. Ihr Jüngstes ist ein Jahr und drei Monate alt und noch bei Mama zu Hause. Für die Computerfachfrau ist der Start in Deutschland vor fast sieben Jahren schwer gewesen. "Aber ich hatte meine Schwägerin ganz in der Nähe", sagt sie. Ihr Mann arbeitet schon seit Jahren in einem Bistro in Schwerin und kennt viele Leute. Nur in der Nachbarschaft bliebe die Kontaktaufnahme schwierig. Da kenne sie nur ein bis zwei ältere Damen. "Die jungen Frauen in Deutschland haben wohl meistens keine Zeit", sagt Iman Abu Inaid.
Auch für die Schwierigkeiten, als Ausländer Deutsche kennen zu lernen, hat Eickhorst ein Rezept. In verschiedenen Projekten des Caritas-Migrationsdienstes wirken Ein-Euro-Jobber oder ehrenamtlich tätige einheimische Frauen mit. So auch bei der "Wüstenrose." "Zwischen ihnen und den ausländischen Frauen haben sich schon viele Freundschaften entwickelt, die auch lange nach Projektende noch halten", erzählt Eickhorst. Wer bei der Wüstenrose mitmachen möchte, entweder als Teilnehmerin oder als ehrenamtliche Hilfe, kann sich bei der Caritas in der Kloster straße 24 melden, Telefon 5916911.

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