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8. Tag der Aphasie : Däumchendrehen ist keine Alternative

vom

Zum 8. Tag der Aphasie nahmen etwa 60 Betroffene und deren Angehörige auch weite Wege in Kauf, um ins Aphasiker-Zentrum MV in Plau am See zu kommen. Denn "Aktiv mit Aphasie" - das ist das Motto des Reha-Zentrums.

svz.de von
erstellt am 25.Nov.2013 | 10:29 Uhr

Elf Jahre ist es her, als sich das Leben von Andrea Groß rigoros veränderte. Ein Schlaganfall lähmte sie halbseitig und raubte ihr die Worte. Sprechen, Verstehen, Lesen und Schreiben - Dinge, die vorher so selbstverständlich waren - sie waren verschwunden, versenkt in einem schwarzen Loch. Dieses "schwarze Loch" hat einen Namen. Es heißt "Aphasie" und kann nach einer Erkrankung oder Verletzung des Gehirns auftreten. Bei Andrea Groß war es so, aber sie kämpfte sich zurück, mit Hilfe der Ärzte, vieler Rehas und ihrem unbändigen Willen, wieder am Leben teilzuhaben. Vor drei Jahren wäre sie fast mit ihrer Kraft am Ende gewesen. "Ganz plötzlich starb mein Mann. Ich fragte mich ,was soll ich dann noch?’, erzählt sie. Heute fährt sie ihren "Ferrari" (so steht’s an ihrem Rollstuhl) wieder selbstwusst und mit einem Strahlen, das ihr Gesicht nie zu verlassen scheint. Das liegt auch an "Hasi", der seit zwei Jahren an ihrer Seite ist, sein Leben trotz Defizite mit ihr teilt. "Ich bin topfit", sagt sie und lacht. "Nur gut, dass ich nie aufgab und ein zweites Mal Schreiben und Lesen gelernt habe. Hasi habe ich nämlich übers Internet kennengelernt."

Schicksale wie das der Bützowerin führten am Sonnabend fast 60 Betroffene und Angehörige ins Aphasiker-Zentrum Mecklenburg-Vorpommern e.V. im MediClin Reha-Zentrum Plau am See. Plau am See, Parchim, Güstrow, Bützow, Crivitz… Wenn am MediClin der "Tag der Aphasie" stattfindet, den der Verein mit der Unterstützung der Deutschen Rentenversicherung Nord, des Fördervereins Gesundheitszentrum Plau am See und des Sanitätshauses Beerbaum organisiert, ist kein Weg zu weit. Auch für Birger Ludwig, Rüdiger Käding und Jürgen Maczak nicht. Alle drei kommen aus Güstrow, sind daheim in ihrer Aphasiker-Selbsthilfegruppe seit Jahren aktiv. "Damit das Sprechen, das Verstehen aber auch die alltäglichen Handgriffe besser werden, müssen wir was tun. Sowohl unsere Gruppe als auch das Aphasiker-Zetrum hier in Plau helfen uns dabei. Auch wenn es um neue Informationen geht, um Fragen oder Probleme, die uns allein überfordern", sagt Rüdiger Käding dankbar.

"Aktiv mit Aphasie" - das ist schon das ganze Jahr und (eigentlich auch) immer das Motto des Aphasiker-Zentrums in Plau. Veranstaltungen, Projekte, Workshops - Stillstand kennt man nicht. So ist z. B. seit einigen Monaten ein Backbuch in Arbeit, für das die Betroffenen selbst die Rezepte zusammengesucht haben, diese in den Computer eingeben, für das sie zeichnen, Probebacken… Letzten Samstag wurde ausnahmsweise nicht an einem neuen Kapitel geschrieben. Vielmehr hatten Ingrid Freier, die Leiterin des Aphasiker-Zentrums und Anja Richter, Logopädin, Workshops vorbereitet. Da konnten Adventskränze gebastelt oder Kerzenständer gebaut werden, es gab eine Keksbäckerei und Massage-Anleitungen vom Sanitätshaus Beerbaum. "Früher habe ich viel selbst gemacht", erzählt Birger Ludwig, Schlaganfallpatient wie die meisten hier, als wir ihn in der Holzwerkstatt von Thomas Richter treffen. "Jetzt bin ich glücklich, dass ich wenigstens einiges wieder machen kann." Und dafür schont sich Ludwig nicht: Montag Schreibtraining, Dienstag Schwimmen, Mittwoch Ergotherapie, Donnerstag Laufen. "Dann ist Wochenende", sagt der Güstrower und schraubt weiter an seinem Kerzenständer für daheim.

Viel Praxis wenig Theorie - so war der Samstag überschrieben. Trotzdem baten Anja Richter, Ingrid Freier, Dr. med. Günther Freier, Chefarzt der Neurologie am MediClin Rehazentrum und der Landtagsabgeordnete André Brie nach Kaffee und Kuchen noch auf eine Talk-Runde. Die machte deutlich, was gut läuft und wo die Aphasiker "die Schuhe drücken". Als ein erstes Ergebnis wird es im kommenden Jahr Infoveranstaltungen in den Gruppen speziell zum Schwerbehindertenausweis geben.

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